DAS HÄTTE ES FRÜHER NICHT GEGEBEN

Koste es, was es wolle: Urlaub ist zum Erholen da!

von Julia Nadel

Ein schönes Hotel, das beste Essen, Wein in Strömen und jeder erdenkliche Luxus. Ein Traumurlaub, der auch traumhaft viel Geld kostet. Aber egal, man lebt nur einmal und Geld sollte man auf gar keinen Fall für die falschen Dinge verschwenden.

Erinnerst du dich auch noch an die 12-stündigen Autofahrten nach Österreich, der Kofferraum zum Bersten gefüllt, kotzende Geschwister neben dir? War das nicht schön? Oder der Wochenendausflug ins 20-km-entfernte Dorf, weil da gerade Bauernmarkt war? Es ist SO wichtig, solche Erinnerungen zu haben. Denn sie erinnern dich immer und immer wieder daran, was du heute nicht mehr erleben musst.

Weder meine Eltern noch ich erinnern sich gerne an diese Zeiten. Spätestens, wenn meine Schwester alle dreißig Minuten weinte, dass sie dringend aufs Klo müsse, wussten wir alle: Besser nie wieder Urlaub, das ist was für andere Leute, nix für uns.

Und so blieb es zwei Jahrzehnte lang. Als ich Anfang dreißig war, flog ich zum ersten Mal in meinem Leben in den Sommerurlaub. Meine Güte, dachte ich, wie macht man das eigentlich? Flug buchen, Hotel buchen, Koffer kaufen – ist das jetzt wirklich mein Ernst? Will ich wirklich dafür jetzt über tausend Euro bezahlen? Was ist, wenn die Waschmaschine kaputt geht? Oder ich plötzlich, weil ein Asteroid auf das Labor gefallen ist, keinen Job mehr habe, denn sowas passiert, das weiß nur keiner, es fallen quasi STÄNDIG Dinge aus dem Weltall auf uns drauf und dann habe ich keinen Job und bräuchte die 1000 Euro aber dringend für Bewerbungsbilder und einen Blazer und DANN?

Meine ersten Tage auf Teneriffa verbrachte ich damit, möglichst alle Angebote maximal auszunutzen. Ich aß so lange vom schier endlosen Buffet, bis mir schlecht wurde. Ich verbrachte sechs Stunden jeden Tag am Pool und noch mal drei am Meer. Ich ließ mich am Strand massieren, trank abends den besten Wein auf der Karte und blieb möglichst lange wach, um auf dem Zimmer-Balkon die laue Nacht zu genießen. Ich wollte unbedingt und absolut alles erleben und mitgemacht haben – jeden Ausflug, jede Wale-angucken-Bootstour, jeden Trip auf den Vulkan. Ich war besessen von dem Gedanken, das Geld, das ich bezahlt hatte, auf gar keinen Fall zu verschwenden.

Am Ende des Urlaubs hatte ich zwar sehr viel erlebt und mich auch ein bisschen erholt – war aber durch Täler der Einsamkeit und Schuldgefühlen gegangen. Als ich im Flugzeug zurück saß, dachte ich immerzu: Das wirst du nie wieder so machen.

Das Problem war nicht die distanzierte Reaktion meiner Eltern gewesen, sondern dass ich ihr Gefühl zu meinem gemacht hatte. Dass ich am Ende das Geld verschwendet hatte, weil ich es so sehr nicht verschwenden wollte.

Mein Verhältnis zu Luxus-Dingen wie Urlaub, Taxi-Fahren und Kosmetikbehandlungen hat sich seitdem verändert. Es ist nicht so, dass ich nicht trotzdem und oft Angst habe vor dem Gefühl, zu viel Geld für zu wenig Bleibendes auszugeben. Dass ich nicht trotzdem immer wieder denke: Davon hätte ich mir jetzt auch endlich mal eine neue Matratze kaufen können.

Das leben, es ist aber kein vorausschauender Plan, den man Punkt für Punkt abarbeiten kann und in dem man gewinnt, wenn man möglichst vorsichtig ist. Es geht sogar im Gegenteil nicht darum, etwas zu gewinnen, sondern nicht gewinnen zu wollen. Dann und nur dann verschwendet man kein Geld mehr, denn man gibt es nicht für Quatsch aus, sondern um sich ein schönes Leben zu machen. Und das ist mehr Wert, als jede Matratze der Welt.

ein Artikel von
Julia Nadel
Julia Nadel ist Laborantin und Science Fiction Fan. Nachts setzt sie sich allerdings an ihren Laptop und schreibt über die Chemie der Liebe oder warum Geld doch glücklich macht - im Labor ist es nämlich einfach zu still und irgendwo müssen die Geschichten ja hin! Julia Nadel ist 29 und lebt im Ruhrgebiet.

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