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Wenn mehr Gehalt nichts bringt

Was ist eigentlich „Kalte Progression“?

von Nils Matthiesen

Mehr Netto vom Brutto? Das versprechen Politiker. Das Thema Kalte Progression behandeln sie dabei ausgesprochen stiefmütterlich. Aus gutem Grund.

Wahrscheinlich kennst du die Parolen vor jeder Wahl: Die Bürger bräuchten mehr Netto vom Brutto. Steuern müssten gesenkt und endlich das Problem der „kalten Progression“ in Angriff genommen werden. Nach der Wahl passiert dann beim Thema "Kalte Progression" in der Regel recht wenig, so dass wir uns in Deutschland gefühlt schon seit Jahrzehnten mit diesem Problem herumschlagen müssen. Aber was steckt eigentlich dahinter?

Kalte Progression: Wenn mehr kaum mehr ist

Der Begriff „Kalte Progression“ bezeichnet laut Definition einen Anstieg der tatsächlichen Steuerlast aufgrund der permanenten Lohnerhöhung durch die Inflation. Denn es ist so, dass die Löhne in der Regel mindestens an die Höhe der Teuerungsrate anpasst werden, wir verdienen also Jahr für Jahr immer mehr. Mehr leisten können wir uns dadurch aber nicht unbedingt. Schließlich wird auch alles teurer. Wenn aber die Tarife für die Einkommensteuer nicht angepasst werden, rutschen mehr Personen in die höheren Tarife.

Tatsächlich kann es passieren, dass man sich kaum mehr leisten kann, obwohl man auf dem Papier mehr verdient. Nämlich genau dann, wenn der Effekt der kalten Progression zuschlägt. Denn durch eine Lohnerhöhung kann eine Person in eine höhere Steuerklasse rutschen und muss dadurch mehr Abgaben zahlen. Es bleibt als weniger Netto vom Brutto übrig.

Kalte Progression: Beispiel Anna

Ein Beispiel: Anna ist Single, verdient 4.000 Euro brutto pro Monat und ist in Steuerklasse I. Sie bekommt eine Gehaltserhöhung von drei Prozent. Brutto bekommt sie demnach 120 Euro mehr, also 4.120 Euro. Netto bleibt aber nur ein Plus von 59,49 Euro übrig. Denn durch das höhere Bruttogehalt rutscht sie in eine höhere Steuerklasse und zahlt 73,57 Euro mehr Lohnsteuer als vorher. Rechnen wir jetzt noch die Inflation hinzu – nehmen wir 1,5 Prozent an – zeigt sich: Anna hat kaum mehr in der Tasche als zuvor:

  • Vor der Gehaltserhöhung (netto): 2.487,41 €
  • Nach der Gehaltserhöhung (netto): 2.546,90 €
  • Minus 1,5 Prozent Inflation: 2.508,70 €

Unterm Strich bleiben von 120 Euro Lohnerhöhung mickrige 21,29 Euro übrig. Für das Finanzministerium ist das nicht schlecht, da dadurch mehr Personen in höhere Steuersätze rutschen und mehr Steuern zahlen.

Deutsche leiden unter Abgaben

Durch das Phänomen zahlen inzwischen 4,2 Millionen Personen in Deutschland den Spitzensteuersatz von mindestens 42 Prozent. Dies geht aus einer bislang unveröffentlichten Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln) hervor, wie das Handelsblatt berichtet. Die Studie zeigt zudem, das selbst Gering- und Durchschnittsverdiener hierzulande durch Steuern und Abgaben stark belastet werden. Ein Single mit einem Bruttogehalt von 1.940 Euro im Monat zahlt demnach 46 Prozent Steuern und Abgaben. Ein alleinstehender Durchschnittsverdiener mit 3.250 Euro muss mit 51 Prozent mehr als jeden zweiten Euro abführen.

Laut einer kürzlich veröffentlichten OECD-Studie haben wir in Deutschland sogar die zweithöchste Steuer- und Abgabenlast aller Industrienationen. Für einen alleinstehenden Durchschnittsverdiener lag die Belastung 2018 demnach bei 49,5 Prozent des Arbeitseinkommens. Nur die Belgier zahlen noch mehr. Immerhin zahlen wir im Jahr 2020 etwas weniger Einkommensteuer. Der Grundfreibetrag, bis zu dem Einkommen steuerfrei bleibt, steigt um 240 Euro auf 9.408 Euro. Auch die Steuersätze sind bei gleichem Einkommen etwas gesunken. Abhängig von deinem Einkommen hast du dadurch zwischen 37 Euro bis 183 Euro mehr in der Tasche.

Fazit

Verglichen mit vielen anderen Ländern geht es uns in Deutschland gut. Das dürfen wir nie vergessen. Wir zahlen dafür aber auch einen hohen Preis in Form von Steuern und Abgaben. Angesicht der aktuellen Milliardenüberschüsse, könnte man durchaus noch etwas mehr an den Steuersätzen schrauben.

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Nils Matthiesen
Nils Matthiesen
Nils ist Journalist, Texter und einer der ersten Digital Natives. Er beschäftigt sich schon seit über 20 Jahren mit den Themen Vorsorge, Geldanlage und Börse. Persönlich setzt er inzwischen mehr auf Fonds-Sparpläne als aktives Aktien-Picking.

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