Der Schein meines Lebens

Als Jugendlicher 150 Euro in zwei Stunden verdienen? Fehlanzeige!

von Jonas Rüffer

Im Laufe unseres Lebens bekommen wir diesen einen Schein, diesen bestimmten Betrag. Den uns jemand schenkt, den wir finden, gewinnen oder den wir jemandem abluchsen – und: an den wir uns für immer erinnern, weil er uns gerettet, berührt oder beschämt hat. Hier erzählen regelmäßig Menschen die Geschichte vom Schein ihres Lebens.
Heute: Jonas H. aus der Oberpfalz und seine beiden Brüder sind fußballverrückt. Dafür gehen sie gerne bei den Nachbarn schuften und hoffen auf das schnelle Geld. Der Lohn für ihre Arbeit ist allerdings mau, dafür lernen sie eine Lektion fürs Leben.

Fußball gehörte für uns einfach dazu

In der bayrischen Oberpfalz zwischen Wäldern und Feldern gab es für meine zwei Brüder und mich nur ein einziges Thema: Fußball. Als Jungs vom Dorf hat es uns an heimischen Traditionen nicht gemangelt. Durch das obligatorische Fußballtraining dreimal die Woche waren wir sportlich fit. Die Sportschau am Samstag auf der Couch tat ihr übriges, damit die Leidenschaft auch zwischendurch nicht verloren ging. Trikots der Nationalmannschaft oder von Greuther Fürth waren für uns die besten Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenke, die es gab. Leider beides nur einmal im Jahr. Zum Glück hatte man ja Nachbarn, bei denen man die nötigen „Flocken” locker machen könnte, wenn man es richtig anstellt. So dachten wir jedenfalls.

Ein Ball musste her, und wir hatten da eine Geschäftsidee

Wir klingelten an den Haustüren der Nachbarn. An der dritten machte uns eine Dame auf, und wir boten uns ihr als professionelle Autoputzer an. Doch sie winkte dankend ab. Ob sie Angst um ihr Auto hatte oder es einfach keine Wäsche brauchte, wussten wir nicht. Sie meinte allerdings, ihr Gehsteig müsse dringend vom Unkraut und Gras zwischen den Platten befreit werden. Bewaffnet mit kleinen Gartenmessern, kratzten wir emsig die Rillen zwischen den Steinen aus. Gesprächsthema dabei: Wieviel würden sie uns wohl geben? 40 Euro für jeden? 50 Euro? Mit etwas Glück 60? Nicht wissend, welchen Wert unsere Arbeit wirklich hatte, rutschen wir mühsam auf unseren Hosenboden umher und schraubten unsere Gehaltsvorstellungen dabei in immer atemberaubendere Höhen.

Doch der Plan ging nicht auf …

Nachdem wir unsere Arbeit gewissenhaft erledigt hatten, klingelten wir voll freudiger Erwartung auf unser Gehalt wieder an ihrer Tür. Die Nachbarin öffnete und begutachtete unsere Arbeit: „Das habt ihr aber sehr ordentlich gemacht“, meinte sie. Wie viel wir uns denn als Bezahlung vorgestellt hätten? Noch heute habe ich in den Ohren, wie sie laut loslachte, als wir ihr unser forsches Angebot nannten.

Da standen wir drei Buben nun und verlangten insgesamt 150 Euro für zwei Stunden Arbeit. Nach einer kleinen Lehrstunde über die Gehälter von Gärtnern, Aushilfen und Azubis gingen wir mit einer neuen Vorstellung der Arbeitswelt und zehn Euro pro Nase zurück nach Hause. Um ehrlich zu sein, auch ziemlich deprimiert: Geld verdienen war wohl doch nicht so einfach.

Die heiß ersehnten Trikots, Stadionkarten und Fußbälle schienen plötzlich ziemlich weit entfernt. Dafür wurde uns bewusst, wieviel unsere Eltern tatsächlich arbeiten mussten, damit sie uns täglich beim Bäcker die obligatorischen „Brezn“ kaufen konnten. Wir nahmen uns fest vor, ihnen zu danken und mehr auf unser Geld zu achten. Nur an dem Tag haben wir das nicht mehr hingekriegt: Der Traum vom neuen Ball wurde begraben, und wir drei sind ab in den Netto. Dort gaben wir unseren ganzen Lohn für Süßigkeiten aus und stopften uns noch am selben Abend damit voll.

Haben auch Sie einen Schein oder eine Summe Geld bekommen (oder auch wie hier in dieser Erzählung NICHT bekommen), woran Sie sich gerne erinnern? Schreiben Sie uns an [email protected]

ein Artikel von
Jonas Rüffer
Jonas Rüffer (Jahrgang 1991), ist seit Februar Teammitglied der Zasterredaktion. Vorher hat er seinen Master in Politik abgeschlossen. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit Servicethemen wie Kryptowährungen oder Geld- und Finanzpolitik.