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MOBILITÄTSWENDE?

Stellt euch vor, das 9-Euro-Ticket hätte es nie gegeben

von Isabella Müller-Reinhardt

Die Bundesregierung lädt Mitte Oktober 2022 zu einer Pressekonferenz und verkündet großzügig: „In diesen schweren Zeiten haben wir uns für die Menschen etwas ganz besonderes überlegt. Jeder soll sich auch in Zukunft, den öffentlichen Nahverkehr leisten können. Es wird eine neue Fahrkarte geben. Bundesweit gültig für Bus, Bahn und Regionalzüge. Und das alles für nur 49 Euro im Monat

Wie taufen es das 49-Euro-Ticket!

Ich glaube, diese Entscheidung hätte durchaus Erfolg gehabt. Die Menschen hätten sich gefreut und gejubelt. Hätte, hätte Fahrradkette. Die Realität sieht nämlich anders aus. Ich höre niemanden vor Begeisterung jubeln. Und die Freude über das 49-Euro Ticket hält sich auch gerade so in Grenzen. Aber warum? Ganz einfach, weil wir bereits das Vergnügen mit dem 9-Euro-Ticket hatten.

Es ist natürlich doof den Menschen etwas als „günstig“ zu verkaufen, wenn es davor schon ein „super günstig“ gab. Ich würde auch blöd gucken, wenn mir mein Mann jeden Samstag zehn frische Rosen vom Markt mitbringt und plötzlich wären es nur noch zwei Verwelkte über die ich mich freuen darf.

Das 9-Euro-Ticket gab es im Sommer 2022 für drei Monate. Dass sich dieses Model nicht langfristig finanzieren lässt, war damals schon klar. Aber 49 Euro ist schon eine Hausnummer. Der Preis hat sich verfünffacht. Und es gibt noch eine weitere Veränderung. Das 49-Euro-Ticket gibt es nicht mehr monatlich zu kaufen, sondern muss im Jahresabo erworben werden. Auch wenn das Abo monatlich kündbar ist, nimmt es dem Ganzen doch dieses „Unkomplizierte“. Vergesse ich zu kündigen, verlängert sich das Ticket um einen Monat automatisch. Und somit auch um weitere 49 Euro. Für Menschen, die also nur gelegentlich den öffentlichen Nahverkehr nutzen, bringt das neue Ticket nicht wirklich viel.

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Was beim 9-Euro-Ticket-Nachfolger bleibt, ist dass es auch weiterhin bundesweit gilt. Zumindest müssen wir uns in Zukunft nicht mehr durch den Tarifzonen-Dschungel kämpfen. Ein Ticket für ganz Deutschland ist schon hilfreich. Aber für viele Menschen ist es einfach zu teuer.

Im Hartz-IV-Regelsatz sind beispielsweise monatlich 40,70 Euro für Verkehr vorgesehen. Somit wäre das 49-Euro-Ticket für Hartz-IV- Empfänger schwarz auf weiß zu teuer. 

Das günstigere Sozialticket (je nach Bundesland 25 Euro bis 35 Euro) gilt wiederum nicht deutschlandweit.

Für einkommensschwache Familien ist das neue Ticket zu teuer. 

Für Menschen, die nicht regelmäßig den öffentlichen Nahverkehr nutzen zu umständlich.

Aber der Rest kann sich freuen. Denn im Vergleich zu den regulären Monatskarten (80 Euro im Durchschnitt) sind 49 Euro tatsächlich ein Schnäppchen.

Ab wann es das Ticker zu kaufen gibt, ist noch nicht bekannt. Angepeilt wird der 1. Januar 2023. Wo und wie das Ticket dann zu erwerben ist, ist auch nicht final geklärt. Genauso wenig wie die Finanzierung. Das Einzige, was bislang also feststeht, ist der Preis und über den wird gestritten und diskutiert.

Greenpeace behauptet nach eigener Kalkulation, dass ein 29-Euro-Ticket für den Staat nicht teurer wäre, dafür aber eine deutliche Entlastung für die Bürger. Vielleicht kann sich Greenpeace ja mal direkt mit Verkehrsminister Volker Wissing an einen Tisch setzen. Und wer weiß, vielleicht lädt die Bundesregierung dann doch nochmal zur Pressekonferenz. Mit hoffentlich besseren Nachrichten.

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Isabella Müller-Reinhardt
Isabella Müller-Reinhardt

Die in Madrid aufgewachsene Münchnerin arbeitet seit mittlerweile mehr als zwanzig Jahren als Sportmoderatorin für verschiedene deutsche und englische Fernsehsender. Zu den Stationen Müller-Reinhardts zählen unter anderem ARD, ITV, Sport1, Sky und Arena. Zudem plaudert sie in einem Podcast über „Weiberkram“, schreibt diverse Sportkolumnen und hat mit "Mensch Trainer" im Sommer 2020 ihr erstes Buch veröffentlicht.