Marie von den Benken

Nachhaltigkeit Killed The Investment Stars

von Marcus Schwarze

Immobilienfonds waren mal sexy. Aber das galt auch für bauchfreie Batik-Shirts. Warum ich überzeugt bin, dass die Generation, die in den kommenden Jahren am meisten frisches Geld zu verteilen haben wird, gerne Anteile an Baumärkten gegen Zukunfts-Investments tauschen würde.

In meiner Familie wurde immer viel diskutiert. Besonders über Geld. Wir haben eine große Familie, meine Eltern einen großen Freundeskreis. In der leicht verschwommenen Retrospektive kommt es mir vor, als hätten meine Eltern jeden zweiten Abend das Esszimmer voller Menschen gehabt, gekocht, Wein getrunken und sich dann den Rest der Nacht wild gestikulierend unterhalten. Über Politik, Sport und eben Geld. Als junges Mädchen fand ich das weitestgehend langweilig. Ich wollte über Jungs reden oder wenigstens über Musik und Filme. Eigentlich wollte ich gar nicht reden. Ich wollte raus und durch den Regen rennen oder in der Stadt Freundinnen treffen. Was gab es Langweiligeres, als Abend für Abend um einen Tisch herum zu sitzen, und zu reden, bis alle zu müde waren oder der Wein alle?

Irgendwann akzeptierte ich die Themen und war froh, dass es zumindest nicht um meine Schulnoten oder zu kurze Röcke ging und schnappte sogar was auf. Wenn man erwachsen war, investierte man sein Geld in Aktien großer DAX-Konzerne, in Immobilienfonds und sogar angeblich innovative Projekte wie Windräder.

Generation Investition

Mittlerweile ist das Thema auch in meiner Generation angekommen. Freunde, mit denen ich zur Schule gegangen bin, mit denen ich Mathe geschwänzt und am Kiosk für ein paar Cent eine Tüte gemischte Weingummis gekauft habe, sagen plötzlich Sätze wie: „Wir haben jetzt auch angefangen, zu investieren. Wir wollen uns doch auch später noch was leisten können.“ What? Gerade saßen wir noch an der Alster, aßen Eis, starrten auf unsere Handys, und unser größtes Problem war: Welche Party ist am kommenden Wochenende die beste, und warum schreibt dieser scheiß Typ nicht zurück? Heute sind alle meine Freunde auf einmal vorausschauend denkende Millennials, die Entscheidungen treffen, die auch in 40 Jahren noch als strategisch richtig angesehen werden sollen.

Und ich stehe auf eine surreale Weise dazwischen. Natürlich weiß ich, dass man mit Mitte/Ende 20 kein Leben mehr führt wie mit 16. Ich bin keine „Bewahre immer das Kind in dir!“-Romantikerin. Zumindest nicht, wenn das Kind in dir zu bewahren bedeutet, mit 28 noch jede Party mitzunehmen oder prinzipiell gegen alles zu sein, was sich Leute über 50 ausgedacht haben. Daher ja auch surreal. Und ambivalent. Seht ihr, wie erwachsen ich bin? Ich kenne sogar exotische Fremdworte. Surreal, weil wir doch immer diese sorgenfreie Spaß-Clique voller Ideen und Flausen im Kopf waren, deren Zukunft aus fantastischen Reisen, kreativen Jobs und ewiger Unbeschwertheit bestand und nicht aus Altersvorsorge und Vernunftentscheidungen.

Verantwortung ist keine Einbahnstraße

Ambivalent, denn Ich weiß natürlich, dass sie Recht haben. Warum die zwanzigste Designer-Handtasche oder das dritte High-Tech-Fahrrad? Unvernünftig kann man auf so viele Arten sein, man muss dabei ja nicht zwangsläufig sein Geld verbrennen. Etwas zurückzulegen ist immer besser, als es zu verprassen. Aber wenn man schon die Zukunft plötzlich nicht mehr als großes, buntes Bonbon voller köstlicher Geschmacksrichtungen, sondern wie eine Verpflichtung zur Absicherung sieht – warum dann nur für sich und seine eigene kleine Familie? Warum nicht für die ganze Welt? Man kann Geld in seine eigene Zukunft investieren und trotzdem global denken. In dieser Zukunft, für die man vorsorgt, wird man nämlich nicht alleine sein. Da werden viele andere sein, darunter die eigenen Kinder und Enkel. Wäre es da nicht einen Gedanken wert, auch die Zukunft der Umwelt abzusichern, in der dann alle leben sollen? Was wird ein Vermögen noch wert sein, wenn die Welt kollabiert?

Quo vadis, Geldanlage?

Versteht mich nicht falsch. Ich laufe nicht mit Esoterikbüchern durch die Gegend und trinke den ganzen Tag Ingwertee mit Leuten, auf deren T-Shirts „Kein Gott. Kein Staat. Kein Fleischsalat“ steht. Aber ich habe trotzdem andere Vorstellungen darüber, sein Geld zu investieren, als die meisten meiner Freunde. Die investieren zumeist immer noch in Technologiefirmen, Immobilien, erneuerbare Energien oder auch mal in Start-ups, in der Hoffnung auf das neue Apple oder Instagram. Das alles zumeist über Banken, die gleichzeitig bei Rüstungsfirmen, Rohölkonzernen oder Tötungsmaschinen für die Fleischverarbeitung ihre Finger im Spiel haben.

Ich formuliere das nicht als Vorwurf. Niemand hat die Zeit, erst mal wochenlang zu recherchieren, wo welches Bankhaus sonst noch so verstrickt ist. Der Vorwurf richtet sich viel weniger an die, die investieren. Er richtet sich an die, die Investitions-Optionen anbieten. Wo ist dort die Verantwortung? Es gibt so viel zukunftsträchtige Ideen, die gefördert werden müssten. Fashion-Labels, die auf minderwertige Materialen und Billiglöhne verzichten. Beauty-Start-ups, die ohne Tierversuche arbeiten, in Deutschland produzieren und hier Arbeitsplätze schaffen. Möbelhersteller, die nur beste Materialien verwenden. Oder Reiseveranstalter, die Hotels mit Öko-Konzept präsentieren.

Nachhaltigkeit Killed The Investment Stars

Natürlich ist die Vokabel Nachhaltigkeit aktuell überstrapaziert. Das macht sie aber konzeptionell nicht unrichtig. Natürlich kann man sich trefflich darüber lustig machen, wie junge Mütter in Eppendorf für einen Becher frisch gepressten Smoothie aus Bio-Gemüse 7,90 Euro bezahlen. Das macht eine gesunde Ernährung aber nicht weniger sinnvoll. Man kann sich auch selber Bio-Gemüse kaufen und den Smoothie für 2 Euro zu Hause machen, oder man kauft sich weiter Starbucks-Kaffee für 5,90 Euro und belächelt die „Ökos“ in der Nachbarschaft. Aber warum legt man eigentlich keine Fonds auf, die in junge Unternehmen investieren, die frische Smoothies für 2 Euro in die Supermärkte bringen?

Aus meiner Sicht wird der vernünftige Umgang mit der Gesundheit und den Ressourcen der Welt spätestens mit unserer Generation lebenswichtig für die Zukunft von allen. Es hätte schon vor uns geregelt werden müssen, aber hier stehen wir eben. Die Zeit kann man nicht zurückdrehen. Doch mehr und mehr Menschen begreifen das. Menschen, die viel Geld haben, definieren sich immer seltener über den dritten Porsche oder die achte Rolex. Sie kaufen Elektroautos und kochen mit regionalen Produkten. Wenn sie in den Urlaub fahren, geht es nicht mehr in die Angeber-Prunk-Hotels an der Côte d’Azur, sondern zum Yoga-Retreat nach Bali.

The Future is responsible-minded

Da liegt das Geld der Zukunft – sollte man dann nicht auch genau dort investieren? Gutes tun für die Zukunft seiner eigenen kleinen Familie und gleichzeitig für die Gemeinschaft? Warum gibt es da nicht viel mehr Angebote, Fonds, Ideen? Ich möchte nicht mehr in Bürokomplexe oder Baumärkte investieren, wie die Generationen vor mir. Ich möchte in Fair-Trade-operierende Textilunternehmen investieren, die auf Echtpelz verzichten. Und in Hotelketten, die an den exotischsten, schönsten Orten der Welt Resorts bauen, die im Einklang mit Natur und Tierwelt entstehen, ökologisch verantwortungsvoll aufgestellt sind, Produkte aus der Region verarbeiten und Menschen aus der Region einstellen.

Ich möchte in Mobiltechnologie-Firmen investieren, die ihre Tablets und Handys nicht in China oder Bangladesch herstellen lassen. Oder wenn, dann nicht zu 1,20 Euro die Stunde, sondern von volljährigen Arbeitern bei ausreichenden arbeitsrechtlichen Grundlagen und fairen Lohn- und Arbeitsbedingungen. Ich glaube, für diese Art von Investitionsmöglichkeiten gibt es einen riesigen Markt. Ich kenne niemanden, der nicht die Welt ein bisschen besser machen wollen würde. Erst recht nicht, wenn er selber auch davon profitiert. Ich kenne aber jede Menge Menschen, die nicht wissen, wie sie ihr Geld anlegen sollen und es dadurch dem Finanzmarkt gar nicht zur Verfügung gestellt wird.

Darum möchte ich meinen heutigen Beitrag hier mit einem Appell an die Finanzwelt beschließen: Seid mal innovativ und beschäftigt euch weniger mit Steuer-Schlupflöchern und mehr mit der Zukunft. Dann bekommt ihr auch das Vertrauen und das Geld der neuen Generation.

image_print
ein Artikel von
Marcus Schwarze