Sind reiche Menschen schlechtere Menschen?

Money, der (Charakter)-Libero

von Christoph Janke

Geld verdirbt nicht den Charakter, es macht ihn sichtbar.

Wer gerne auf den Volksmund hört, weiß: Geld verdirbt den Charakter. Eine dieser pauschalisierenden Verunglimpfungen, von denen so viele kursieren, man könnte ganze Bücher damit füllen. Die meisten davon sind allerdings im Zeitalter politischer Korrektheit mittlerweile in den ewigen Jagdgründen der vergessenen Redewendungen kompostiert worden:

– Die dümmsten Bauern ernten die dicksten Kartoffeln: Hashtag #Fatshaming

– Nur die Harten kommen in den Garten: Hashtag #Exhibitionismus

– Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen: Hashtag #Rassismus

– Im Dunkeln ist gut Munkeln: Hashtag: #MeToo

Das ist nicht weiter schlimm, auch wenn die Ritter der (Besorgte-Bürger)-Tafelrunde es möglicherweise schaffen, mit einer absurden Verkettung von Argumentations-Brechdurchfall und Fake News den Untergang der deutschen Sprache und der abendländischen Kultur damit verknüpfen. Ein paar Volksweisheiten weniger im Sprachrepertoire zu haben, wird uns nicht nachhaltig zurückwerfen.

Es ist allerdings interessant, nach welchen Kriterien sie aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verschwunden sind. Denn „Geld verdirbt den Charakter“ beispielsweise hat überlebt. Offensichtlich hält es keine Gruppierung, weder identitär noch netzfeministisch, für problematisch, Reichtum zu diskreditieren. Das ist natürlich ungerecht. So ungerecht, dass Friedrich Merz vor Schreck beinahe eine seiner 25 Gulfstreams verkauft hätte.

Wenn sie sich kein Fahrrad leisten können, sollen sie doch einen Porsche kaufen

(Marie von den Benken-Antoinette)

Ich finde das schade. Der politisch korrekte Zeitgenosse (durch den freien Zugang zum Internet und seinen diversen Diskussionsforen gleichzeitig Hohepriester und Schafrichter darüber, was gefälligst richtig zu sein hat) sieht im Reichtum natürlich eine grundsätzliche Problematik. Und das, obwohl er ja eigentlich froh darüber ist, in einer sozialen Marktwirtschaft zu leben und nicht etwa in Kuba oder Nordkorea.

Das heißt aber auch: Wer besondere Leistungen erbringt, wird auch besonders alimentiert. Das verzerrte Bild von Menschen, die durch einen siebenstelligen Betrag auf ihrem Festgeldkonto automatisch zu Tyrannen werden, hat sich dennoch fester denn je etabliert. Nun könnte man seitenlang darüber philosophieren, ob es an der romantischen Hoffnung der Wohnzimmer-Revolutionäre liegt, die mit dem Laptop von zu Hause aus die Kommentarspalten mit Vorwürfen tapezieren und sich dabei ein bisschen vorkommen wie die Jeanne d’Arc der Digitalisierung, ein wenig französische Revolution würde unserer Gesellschaft gut tun. Aber damit will ich Sie an dieser Stelle nicht langweilen.

Du verdienst jetzt viel Geld, Du musst nun ein Arschloch werden – So will es das Gesetz

Ich möchte von der anderen Seite kommen. Meine Oma sagt immer: „Geld verdirbt den Charakter nicht, es macht ihn sichtbar“. Nun möchte ich – insbesondere nach der Causa Claas Relotius, die in diesen Tagen die Nation (oder wenigstens die Filter-Bubble der Journaille) in Atem hält – zunächst anfügen, dass meine Oma mit ziemlicher Sicherheit nicht die Urheberin dieses Spruches ist.

Nicht, dass mir in der panikartigen Transparenz-Offensive der Branche noch meine zahlreichen Journalisten-Preise aberkannt werden. Oma oder nicht – der Spruch jedenfalls stimmt meiner Ansicht nach. Zumindest sehr viel mehr, als sein böser Zwilling „Geld verdirbt den Charakter“. Ich blicke mittlerweile auf ausreichend Erfahrung zurück, um festzustellen: Man muss kein Millionär sein, um ein Arschloch zu sein. Geld löst nicht alle Probleme, das stimmt. Geld mag bei dem einen oder anderen auch einen aus menschlicher Sicht eher bemitleidenswerten Höhenflug auslösen. Absolut. Geld verführt beizeiten sogar, Dinge zu tun, die sich oder anderen sehr schaden. Das geht von Drogen- und Partyeskapaden über exotische Anschaffungen bis hin zu kriminellen Machenschaften, um seinen Reichtum zu bewahren oder gar zu vermehren. Das ist alles unbestritten. Dennoch ist die Verknüpfung Geld = Charakterveränderung genau so absurd, als würde ich sagen: Scooter = Scheißmusik. Obwohl. Moment, ich komme noch mal rein.

Lamborghini, Quit Living Your Dreams (Falco, also quasi)

Sie wissen, was ich meine. Ich kenne Menschen mit nachweislicher Zugehörigkeit zu den berühmten „oberen 10.000“, die charakterlich einwandfrei sind. Bescheiden, hilfsbereit, sozial engagiert. Tatsächlich ist die Anzahl der Menschen, die glauben, das Schicksal hätte ihnen den Zugang zum Land, in dem Milch und Honig fließen, verwehrt, weil sie sich die Mieten in Hamburg-Eppendorf, im Münchener Glockenbachviertel oder im Prenzlauer Berg in Berlin nicht mehr leisten können, viel größer. Und die, um das zu ändern, jeder Zeit zu charakterlich fragwürdigen Handlungen greifen würden, auch.

Wir haben in Deutschland den Luxus, dass sich jeder, der bereit ist, sehr viel zu leisten, ein gutes Auskommen erarbeiten kann. Ich weiß, dass das eine streitbare Position ist, aber ich stehe dazu. Um sie etwas detaillierter zu beschreiben: Ausgenommen davon sind natürlich Menschen, die ohne eigenes Verschulden, etwa durch Krankheit, besondere familiäre Umstände oder Lebensbedingungen, daran gehindert werden, sich nach oben zu arbeiten. Und selbst die, die es nicht nur könnten, sondern auch schaffen, sind nicht unbedingt mit allem zufrieden. Leistungsgesellschaft heißt eben auch, dass nicht jeder Lamborghini fahren kann. Apropos Lamborghini. Viele sogenannte Statussymbole, die oft als Zeichen von Charakterschwäche herangezogen werden oder zumindest als Ausdruck einer besonderen Faible dafür, finanziell weniger auf Rosen gebetteten zu demonstrieren, wie sehr er sie verachtet, sind ja ohnehin selbstdisqualifizierend. Wer fährt denn heute noch einen Lamborghini, wenn er nicht Fußball-Star, Boxweltmeister oder eben Poser ist?

Parental Warning: In diesem Absatz wird die Vokabel „Schwanzverlängerung“ benutzt

Das sollte die Gemüter doch ausreichend beruhigen. In Deutschland muss man sich für seinen Reichtum entschuldigen, vor allem, wenn man ihn sichtbar auslebt. Luxusuhren, exaltierte Sportwagen – und zack ist man in der „Schwanzverlängerungs“-Falle. Das ist genauso diskriminierend, wie die oben aufgeführten Hasthags, aber mit viel Geld – so scheint es mir – muss man das eben aushalten. Dabei kenne ich niemanden, der nicht gerne viel Geld verdienen würde. Niemanden, der nicht mit Athina Onassis tauschen würde, die weitestgehend ohne eigenes Zutun an ihrem 18. Geburtstag ein Milliardenvermögen geerbt hat. Und das ist okay.

Man darf sich durchaus fragen, warum das Schicksal den einen so begünstigt, viele andere aber nicht. Das ist menschlich und absolut nicht verwerflich. Und neben der Tatsache, dass wir dabei nicht vergessen sollten, dass es vermutlich die mit Abstand wertvollste schicksalhafte Begünstigung gewesen ist, dass wir in einem sicheren und stabilen Land wie Deutschland geboren sind oder leben dürfen, muss eines dabei immer klar sein: Athina Onassis, als Sinnbild für pervers viel Geld, das nur einer Person zugeteilt wurde, ist darum weder per se ein schlechter Charakter zu unterstellen, noch trägt sie Schuld daran, dass man selber kein Milliardär ist.

Wer immer schon ein Arschloch war, wird mit sehr viel Geld immer noch ein Arschloch sein. Leider allerdings eines, das man prominenter sieht und spürt. Finanzielle Möglichkeiten erhöhen den Spielraum, seine Prinzipien wirksam umzusetzen. Umgekehrt wird aber ein Mensch, dem es immer sehr wichtig war, anderen zu helfen, mit viel Geld nicht plötzlich von Mutter Teresa zu Ebenezer Scrooge. Für die Jüngeren unter Euch: Ebenezer Scrooge ist kein neuer, hipper Rapper, sondern das unermesslich reiche Vorzeige-Charakterschwein aus Charles Dickens „Weihnachtsgeschichte“. Und mit dieser herausragenden Anekdote entlasse ich euch jetzt mit dem Aufruf: Werdet reich, oder auch nicht. Es macht euch nicht zu besseren Menschen. Zu schlechteren aber auch nicht.

ein Artikel von
Christoph Janke