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FINANZWISSEN

Multi Faktor-ETFs: Die Alleskönner?

von Markus Kaiser

Investitionen in Faktor-ETFs zur Ergänzung von Wertpapierportfolios eignen sich gut und ermöglichen, das Portfolio noch individueller an den Anlagebedürfnissen auszurichten.

Grundsätzlich ist bei Faktor-ETFs zu beachten, dass sich die Aktienauswahl aufgrund der faktorbasierten Kriterien deutlich von den meist ausschließlich nach Marktkapitalisierung gewichteten klassischen ETFs unterscheiden kann.

Höhere Rendite bei geringerem Risiko – Ambitionierte Ziele!

Jeder einzelne Faktor, so auch die Ergebnisse wissenschaftlicher Auswertungen und Studien, ermöglicht in bestimmten Marktphasen eine Überrendite bzw. einen Mehrwert zu erwirtschaften. Während bei dem Faktor „Minimum Volatility“ eine Reduktion des Marktrisikos über die bevorzugte Auswahl gering schwankender Aktien im Vordergrund steht, streben die meisten anderen faktorbasierten ETFs vor allem eine Überrendite gegenüber ihrem „Mutter-Index“ an.

Historisch ist es jedem der hier vorgestellten Faktoren gelungen, die Marktperformance zumindest zeitweise zu übertreffen. Allerdings konnte die Outperformance dabei nicht dauerhaft erzielt werden, vielmehr war der Performanceverlauf oftmals sogar von längeren Phasen der Underperformance geprägt. Um dieser Unvorhersehbarkeit der Performance einzelner Faktoren entgegenzuwirken, gehen Multi-Faktor-ETFs einen Schritt weiter und kombinieren mehrere Faktoren. Die Zufälligkeit von Under- oder Outperformance kann darüber geglättet werden und über den Multi-Faktor-Ansatz kommt man wieder näher an die Marktrendite. Multi-Faktor-ETFs setzen sich allerdings höhere Ziele, denn sie streben langfristig eine Überrendite gegenüber den klassischen Indizes an. Die Outperformance soll allerdings mit einem verbesserten Rendite-Risiko-Verhältnis erreicht werden. Klingt erst einmal vielversprechend, werfen wir also einen Blick auf die Umsetzungsmöglichkeiten, das Produktangebot und nehmen einen ausgewählten ETF detaillierter unter die Lupe.

Zur Abbildung einer einfachen Multi-Faktor- Strategie können die einzelnen Faktor-ETFs in einem Portfolio miteinander kombiniert werden.

Es wird also auf einzelne Faktor-ETFs zurückgegriffen. Dabei können Fonds-Selektoren individuelle Schwerpunkte bei einzelnen Faktoren setzen oder die ausgewählten Faktoren einfach banal gleichgewichten. Der Individualität einer solchen Multi-Faktor-Strategie steht der Aufwand für Selektion und Rebalancing gegenüber. Etwas komplexer gestaltet sich eine integrierte Multi-Faktor-Strategie, denn hier werden die Kriterien einzelner Faktoren bereits bei der Einzeltitelauswahl miteinander kombiniert und formen so das Portfolio eines Multi-Faktor-ETF. Während einige Multi-Faktor-ETFs die Gewichtung der Faktoren aktiv steuern, gewichten andere das Verhältnis zwischen den Faktoren strategisch gleichbleibend.

Breites Produktangebot

Auf dem europäischen ETF-Markt stehen Fonds-Selektoren derzeit rund 40 Multi-Faktor-ETFs zur Auswahl, wobei sich die zugrunde liegenden Faktoren und deren Kriterien zum Teil deutlich voneinander unterscheiden, sodass Produktvergleiche nicht immer Sinn machen. Werfen wir zunächst einen Blick auf die Multi-Faktor-ETFs vom Branchenprimus Blackrock iShares, die das Produktangebot der faktorbasierten ETFs komplettieren.

Im Fokus steht der iShares Edge MSCI World Multifactor U-CITS ETF (WKNA14YPA), der bereits am 4. September 2015 aufgelegt wurde und inzwischen über ein Fondsvolumen von rund 470 Mio. EUR verfügt. Die faktorbasierte ETF-Palette von iShares bietet allerdings noch mehr, so ermöglicht der iShares Edge MSCI Europe Multifactor UCITS ETF (WKN A14YPB) eine multifaktorbasierte Auswahl europäischer Aktien und der iShares Edge MSCI USA Multifactor UCITS ETF (WKN A14YN9) das Pendant für US-amerikanische Titel.

Anlageuniversum MSCI World

Der iShares Edge MSCI World Multifactor UCITS ETF bildet den MSCI World Diversified Multiple-Factor Index nach. Der Index basiert auf dem Anlageuniversum des MSCI World und bietet Zugang auf ausgewählte Unternehmen der entwickelten Aktienmärkte weltweit. Die Auswahl und Gewichtung der Aktien wird von MSCI Barra vorgenommen und basiert auf einer Kombination von Kriterien der Faktoren Value, Momentum, Quality und Size. Über die Selektionskriterien sollen vor allem finanziell gesunde Unternehmen herausgefiltert werden, die darüber hinaus ein positives Momentum aufweisen.

Der Faktor Size stellt sicher, dass dabei auch Unternehmen mit geringerer Marktkapitalisierung berücksichtigt werden. Während die großen Unternehmen mehr als 85% des MSCI World Index ausmachen, liegt deren Anteil im MSCI World Diversified Multiple-Factor Index bei knapp über 60%. Der geografische Schwerpunkt liegt wie üblich auf US-amerikanischen Aktien.

Größter Sektor ist die Informationstechnologie mit gut 25% Gewichtung, gefolgt von Industriewerten und Finanztiteln, die mit 14% und 10% gut vertreten sind. Bei den Einzeltiteln ist Meta Platforms derzeit mit 3,6% am stärksten gewichtet, gefolgt von Apple und Exxon Mobil. Die Indexzusammenstellung wird halbjährlich überprüft und ein Rebalancing erfolgt auf vierteljährlicher Basis.

Der MSCI World Diversified Multiple-Factor Index beinhaltet 465 Aktien und somit deutlich weniger als sein mehr als 1.500 Titel umfassender „Mutter-Index“ MSCI World. Der irische ETF ist thesaurierend und seine Gesamtkostenquote (TER) beträgt 0,50% p.a.“

MSCI World ETF ist nicht zu schlagen!

Der Anlageerfolg des iShares Edge MSCI World Multifactor ETF fällt in den letzten Jahren, vor allem im Vergleich zum iShares Core MSCI World ETF (A0RPWH), bescheiden aus. Insgesamt hat der ETF seit seiner Auflage zwar um 90 Prozent (8,5% p.a.) an Wert zulegen können, mit einem Investment in den MSCI World wäre für Anleger jedoch einiges mehr drin gewesen, denn dieser erzielte einen Wertzuwachs von 124 Prozent (11% p.a.). 

Woran hat es gelegen?

Während der MSCI World vor allem von der starken Performance der schwergewichtigen Technologietitel – also vorwiegend Growth – profitiert hat, liegen die Schwerpunkte bei den meisten Multi-Faktor-Strategien auf unterbewerteten Value-Titeln und Aktien mit mittlerer Marktkapitalisierung, die in den letzten Jahren hier nicht Schritt halten konnten. Auch im Rendite-Risiko-Vergleich hat der MSCI World über die letzten 3 Jahre die Nase vorn.

Fazit

Multi-Faktor-ETFs schlagen eine Brücke zum aktiven Management und bieten Fonds-Selektoren eine Alternative zu den – rein nach Marktkapitalisierung gewichteten – klassischen ETFs. Neben den etablierten ETF-Anbietern bieten inzwischen auch bekannte Asset Manager wie JP Morgan, GoldmanSachs, Franklin Templeton, Invesco und FirstTrust ihre Expertise über entsprechende Multi-Faktor-ETFs an. Es kann sich also lohnen das Produktangebot in diesem Segment genauer unter der Lupe zu nehmen. Automatische Outperformance bei geringerem Risiko, das können Multi-Faktor ETFs allerdings auch nicht leisten. Wäre ja auch zu einfach…

ein Artikel von
Markus Kaiser
Markus Kaiser ist Geschäftsführer der Greiff Research Institut GmbH und leitet den ETF-Bereich der Greiff capital management AG. Der Dipl. Vermögensmanager verfügt über mehr als 20 Jahre Investment-Erfahrung und zählt zu den erfolgreichsten Dachfonds-Pionieren.