Was verdient eigentlich …

Heldenjob: Was macht ein Krankenpfleger – und was verdient man?

von Moritz Weinstock

Sie zählen zu den Heldinnen und Helden der aktuellen Corona-Krise, aber ihre Arbeitsbedingungen lassen oft zu Wünschen übrig: Pflegekräfte. Wir wollten mehr wissen und haben mit dem Krankenpfleger Johannes aus Berlin gesprochen.

Laut einer Statistik der Arbeitsagentur vom Mai 2019 waren in Deutschland im Jahr 2018 rund 1,6 Millionen „Pflegekräfte in der Kranken- und Altenpflege sozialversicherungspflichtig beschäftig.“

Dem gegenüber stehen laut den aktuellsten Zahlen des Statistisches Bundesamts rund 3,4 Millionen Pflegebedürftige. Rein rechnerisch kommen demnach etwa 2,2 Pfleger bzw. Pflegerinnen auf einen Patienten. Das wäre schön, allerdings sieht die Realität in weiten Teilen ganz anders aus. Gleiches gilt für die Bezahlung. Im Durchschnitt verdienen Krankenpfleger bei Berufseinstieg in Deutschland etwa 2.370 Euro brutto, doch je nach Bundesland ergeben sich teilweise Unterschiede von bis zu 1.000 Euro. Ist das angemessen oder deutlich zu wenig?

Wir wollten mehr über die Krankenpflege wissen und haben mit Johannes gesprochen, einem Krankenpfleger aus Berlin. Er ist 26 Jahre alt, arbeitet nach seiner dreijährigen Ausbildung nun schon seit zweieinhalb Jahren hauptberuflich in der Pflege und ist derzeit auf einer Intensivstation einer großen Berliner Klinik tätig.

Johannes, wie bist du denn zur Krankenpflege gekommen? Was war deine Motivation, in diesem Bereich tätig sein zu wollen?

Ich habe mich bereits in der Schule schon im Sanitätsdienst engagiert, zudem ist meine Mutter ebenfalls in diesem Bereiche tätig. Man kann also sagen, dass ich schon von Kleinauf mit diesem Berufsfeld vertraut war und deshalb genau wusste, was mich erwarten würde.

Nach der Schule habe ich dann ein Jahr lang den Bundesfreiwilligendienst in einer Kinderklinik geleistet und interessanterweise zunächst den Entschluss gefasst, dass die Pflege nichts für mich ist. Aber wie das dann eben oft so ist, habe ich mich nach einiger Bedenkzeit schlussendlich doch dafür entschieden.

Und dann?

Zu Beginn wusste ich einfach nicht, ob mich die Pflege erfüllen wird, der Bundesfreiwilligendienst hat mir nicht die Perspektive auf den Job eröffnet, die ich heute habe. Die Arbeit in der Kinderklinik, das wurde mir klar, ist nicht der Fachbereich, in dem ich arbeiten wollte.

Dann habe ich tatsächlich eine Ausbildung zum Krankenpfleger begonnen, was zuerst eine Art Lückenfüller für mich war, weil ich eigentlich noch studieren wollte. Doch als es dann losging, habe ich den Pflegeberuf mit jedem Tag ein Stückchen mehr lieben gelernt. Ich habe festgestellt, dass es ein wahnsinnig schöner und spannender Beruf ist.

Wie lief deine Ausbildung im Detail ab?

Das kann man eigentlich gar nicht mehr so klar definieren, denn als ich meine Ausbildung 2014 an einer großen Berliner Klinik begonnen hatte, da war es noch so, dass man vorab entscheiden musste: Macht man jetzt die Ausbildung zum Kinderkrankenpfleger, zum Gesundheits- und Krankenpfleger, oder möchte man eine Ausbildung in der Altenpflege machen.

Mittlerweile ist das Ausbildungssystem aber generalisiert worden (Anmerkung der Redaktion: Seit Januar 2020). Sprich man wird in allen Bereichen der Pflege ausgebildet und entscheidet sich dann erst im Laufe der Ausbildung, ob man in den Bereich Altenpflege, Kinderkrankenpflege oder Krankenpflege gehen möchte.

Ausgebildet wird heute aber auch noch so, dass sich Theorie und Praxis immer in Blockform abwechseln. Insgesamt ist es sehr praxisbezogen, was insofern toll ist, weil man gleich von Anfang an in der Patientenversorgung eingesetzt wird.

… also so ein bisschen Schulbank drücken und viel vor Ort im Krankenhaus und mit den Patienten lernen?

Richtig! Es kommt immer darauf an, wie gut es gelingt, die Theorie mit der Praxis zu verknüpfen. Je nach Einrichtung oder Umsetzung, klappt das mal besser und mal schlechter. Das schöne ist aber, dass man von Anfang an tief eintaucht ins Praxisleben und gleich zu Beginn der Ausbildung vermittelt bekommt, wie es ist, auch mal am Wochenende und im Schichtdienst zu arbeiten.

Trotzdem gibt es natürlich einen erheblichen Unterschied zwischen Ausbildung und Berufsalltag. Denn wenn man dann mal wirklich im Dreischichtenbetrieb arbeitet, und zwar durchgängig, Monat für Monat, dann ist das nochmal was ganz anderes. Dann gibt es keinen Theorieblock mehr, wo man mal wieder für ein paar Wochen in der Schule sitzt und wieder einen normal Rhythmus hat.

Wie steht es um die Karrierechancen in der Krankenpflege?

Generell würde ich behaupten, dass es sehr viele Weiter- und Fortbildungsmöglichkeiten innerhalb der Pflegedienste gibt. Aktuell herrscht auch so etwas wie eine Umbruchszeit in der Pflege. Man spricht von einer Akademisierung, also viele Bereiche der Pflege werden nun auch als Studiengänge angeboten. So ist es beispielsweise möglich, statt einer Ausbildung gleich mit dem Studium zu beginnen, dem sogenannten „Bachelor of Nursing“, bei dem man dann mit einem abgeschlossenen Studium in den Pflegebereich einsteigt. Da gibt es auch duale Ausbildungsmodelle … die Möglichkeiten nehmen zu. Und zwar so schnell, dass die Praxis teilweise noch hinterherhinkt und man sich fragt, wo und wie man jetzt die neuen Fachkräfte einsetzen kann.

Kommen wir zu Vergütung: Mit der generalisierten Pflegeausbildung sollen sich die unterschiedlichen Bezahlungen für die verschiedenen Pflegekräfte angleichen. Bisher hatte es einen erheblichen Unterschied gemacht, ob man als Altenpfleger oder Krankenpfleger tätig ist. Wie siehst du das Thema?

Also mit dem neuen Gesetz kenne ich mich im Detail noch nicht so gut aus. Klar ist aber, dass diejenigen, die derzeit noch in der Ausbildung stecken, nach dem alten Modell weitermachen. Wie es für alle nachfolgenden aussieht, kann ich nicht sagen.

Allerdings hast du Recht: Der finanzielle Unterschied in den Pflegeberufen ist enorm. Das neue Gesetz wurde auch innerhalb unserer Branche rege diskutiert. Viele haben sich gefragt, ob die generalisierte Pflege zielführend ist, oder nicht. Aber ein großer Vorteile ist sicher, dass sich die finanziellen Aspekte für viele Auszubildende seither erheblich verbessert haben, gerade im Bereich der Altenpflege.

Vorher war der Unterschied wirklich gigantisch. Ich hatte das Gefühl, mit meiner Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger im Vergleich zu Freunden in anderen Ausbildungsberufen oder Studenten, fast schon ein Luxusleben führen zu können. Weil die Vergütung während der Ausbildung schon relativ gut ist. Es gibt ja auch Zuschläge für Schichtarbeit und dergleichen …

Ich hatte das Gefühl, mit meiner Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger im Vergleich zu Freunden in anderen Ausbildungsberufen oder Studenten fast schon ein Luxusleben führen zu können

Johannes, Krankenpfleger aus Berlin, zum Verdienst in der Ausbildung

Und trotzdem ist es so, dass gerade jetzt, in dieser schwierigen Zeit, Stimmen aus der Pflegebranche wieder lauter werden und Themen wie Arbeitsbedingungen und Bezahlung öffentlich zur Diskussion bringen …

Generell gibt es große Unterschiede in den verschiedenen Bereichen der Pflege. Ich arbeite zum Beispiel in einem Krankenhaus, und hier muss man klar sagen, dass das der deutlich bessergestellte Teil dieser Branche ist. In der ambulanten Pflege oder in der Altenpflege sind die Löhne, wie ich finde, hingegen geradezu skandalös!

Auf der anderen Seite muss man auch immer bedenken, wie groß die Belastungen durch den Schichtbetrieb sind, oder auch die Verantwortung, die man übertragen bekommt. Allein deswegen sollte man meiner Meinung nach finanziell eigentlich nicht so groß unterscheiden. Denn Verantwortung ist Verantwortung, egal für wen man sie übernehmen muss.

Stichwort Fachkräftemangel, ein generelles Thema in Deutschland. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung mussten Krankenpfleger in Deutschland im vergangenen Jahr im Schnitt 13 Patienten betreuen. Wie sieht diese Zahl in der Praxis aus?

Seit diesem Jahr gibt es einige gesetzliche Regeln zur Personaluntergrenze, die vorschreiben, wie vereinzelte Bereiche des Krankenhauses auszusehen haben und wie sie ausgestattet sein müssen. Demnach muss die Betreuungsquote im Nachtdienst auf einer Intensivstation beispielsweise bei 1:3,5 liegen, tagsüber liegt der Betreuungsschlüssel bei 1:2,5. Hier kommen also maximal zwei bis dreieinhalb Patienten auf einen Pfleger. Gerade bei schwerkranken Menschen, die möglicherweise instabil sind und permanent in Lebensgefahr schweben, kommt man aber auch damit an seine Grenzen.

Bei einigen Kollegen aus anderen Abteilungen gibt es aber noch gar keine Regeln. Da ist es tatsächlich so, dass sie in einer Schicht bis zu 14 Personen betreuen müssen – im Nachtdienst kann es sogar manchmal auch das Doppelte sein. Eine gigantische Belastung und eine eigentlich nicht zu bewerkstelligende Aufgabe.

Wenn man sich die aktuelle Situation vor Augen führt, wie sieht es dann in der Pflege aus? Hat jeder noch mehr zu tun als vorher, noch mehr Patienten zu betreuen?

Also bis jetzt muss man sagen, dass die Situation weitaus weniger dramatisch ist, als man sie vielleicht durch die Medien aus Italien oder Spanien kennt. Es ist so, dass sich die Krankenhäuser derzeit intensiv darauf vorbereiten, eine eventuelle Welle an Neuinfektionen und Patienten aufnehmen zu müssen. Dafür werden Kapazitäten maximal ausgebaut und Ausrüstung aufgestockt.

In meiner Klinik wurde beispielsweise in der vergangenen Woche eine neue Intensivstation aufgemacht, die extra dafür eingerichtet wurde, um Covid-Patienten schnell und bestmöglich versorgen zu können. Für die Betreuung dieser Station wurden nun intern Freiwillige gesucht. Da bin ich auch mit dabei.

Aktuell befinden wir uns im Testbetrieb, es gibt Schulungen für Pflegekräfte, denen die Intensivbetreuung bisher fremd war, es gibt Weiterbildungen für Personal im Umgang mit Beatmungsgeräten etc.

Im Moment ist es also sogar sehr entspannt bzw. so, wie man sich das vielleicht für den Normalbetrieb wünsche würde. Es gibt sehr viel Personal auf der Station, es gibt jede Menge neue und dementsprechend freie Betten. So bleibt Zeit für die Patienten, eine 1:1-Betreuung ist möglich und Auszubildende können weiter angelernt werden. Die Praxis nähert sich gerade etwas dem Idealzustand aus der Theorie an (lacht).


Geld und Equipment fließen also nun in die Krankenhäuser und jahrelange Investitionsstaus werden behoben. Die Corona-Krise hat zumindest diesbezüglich auch ihre positiven Seiten, oder?

Ja, ganz bestimmt! Ich nehme es jedenfalls so war … plötzlich gibt es neue Beatmungsgeräte, worauf man sonst lange warten würde. Das ist natürlich der positive Teil an der Geschichte, aber trotzdem wäre es glaube ich allen lieber, wenn wir an dieser Sache irgendwie vorbeikommen würden.

Die Frage ist natürlich auch: Wie viel lässt sich von den Veränderungen tatsächlich auch nutzen. Man baut jetzt zwar logistisch sehr viel auf, richtet technisch alles her, aber man kann sich eben auch nicht einfach so mehr Personal beschaffen!

Ich glaube, dass sich in der nächsten Zeit viele Kliniken verstärkt um mehr Personal engagieren werden. Die Corona-Krise ist nur ein weiteres Beispiel dafür, dass es noch immer an genügend Fach- und Pflegekräften fehlt. Daran wird auch in Zukunft gearbeitet werden müssen.

Was müsste sich deiner Meinung nach verändern, damit sich mehr Menschen für dieses Berufsfeld begeistern können? Ist es eine rein finanzielle Frage?

Nein, das würde ich nicht sagen! Der Beruf ist spannend und interessant und jeder, der mal in diesem Bereich gearbeitet hat ,oder es noch immer tut, wird bestätigen können, wie abwechslungsreich und vielfältig Krankenpflege sein kann.

Nur ist es eben so, dass es die Umstände, die dieser Beruf so mit sich bringt, für viele einfach nicht zulassen, diesen Job über Jahre hinweg ausführen zu wollen – und zu können. Ich glaube da muss man viel verändern und da ist ein Aspekt natürlich der finanzielle. Man muss das Gefühl haben, dass man wertgeschätzt wird. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass man die Arbeitslast der Einzelnen reduzieren muss, indem man beispielsweise sagt: Pflegekräfte, die in einem Schichtdienst-System arbeiten, sollten bei gleicher Bezahlung nur 30 Stunden pro Woche ableisten müssen.

Die Pflege ist im Gesundheitswesen enorm wichtig, und erst wenn sich die Arbeitsbedingungen ändern, kann sie sich positiv weiterentwickeln

Johannes, Krankenpfleger aus Berlin

Also auch attraktivere Arbeitsmodelle sind ein Thema?

Absolut, ich kenne sehr viel Kollegen, die zum Teil nur deswegen in Teilzeit arbeiten, weil sie die Tätigkeit sonst aufgrund von Stress und Arbeitsbelastung nicht ausführen könnten. Ich arbeite ebenfalls „nur“ 80 Prozent, weil ich das Gefühl habe, ausgeglichener zu sein und meine Freizeit mehr genießen zu können.

Auf der anderen Seite ist es natürlich schade, dass es für viele nur so möglich ist, weil man eben auch finanzielle Nachteile hat.

Eine letzte Frage: Wenn du dir eine Sache für dein Berufsfeld wünschen dürftest, was wäre das?

Ich würde mir wünschen, dass die Menschen, die in der Pflege arbeiten, mehr für ihre Interessen eintreten, sich engagieren und für Reformen kämpfen. Wenn wir alle gemeinsam an einem Strang ziehen, könnten wir wirklich vieles bewegen. Die Pflege ist im Gesundheitswesen enorm wichtig, und erst wenn sich die Arbeitsbedingungen ändern, kann sich auch die Pflege positiv weiterentwickeln. Das muss bei allen Menschen ankommen.

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ein Artikel von
Moritz Weinstock
Moritz hat Kommunikationswissenschaften in Wien studiert und seine Leidenschaft fürs Schreiben mit nach Berlin gebracht. Nach lehrreichen Jahren als Redakteur bei einem Motorradmagazin, ist er nun als Channel-Editor für ZASTER tätig. Sein Zugang zur Wirtschaftswelt: er lebt auf zehn Quadratmetern und spart, was das Zeug hält.