Warum hohe Renditen auch ein Warnsignal sein können
Wer sein Geld anlegen möchte, schaut häufig zuerst auf die bisherige Wertentwicklung. Welche Aktien haben in den vergangenen fünf Jahren besonders stark zugelegt? Welche Anlagen haben langfristig die höchsten Gewinne gebracht? Das ist verständlich. Schließlich möchte niemand sein Geld in eine schlechte Investition stecken.
Doch genau hier liegt ein häufiger Denkfehler: Nur weil eine Anlage in der Vergangenheit hohe Gewinne erzielt hat, muss sie in Zukunft nicht genauso erfolgreich sein.
Darauf macht ein White Paper der Portfolio Selection GmbH vom Oktober 2026 aufmerksam. Die Untersuchung beschäftigt sich mit der Frage, wie sich zukünftige Renditen sinnvoll einschätzen lassen und warum historische Durchschnittswerte dabei in die Irre führen können. Der Grundgedanke lässt sich einfach erklären: Die Vergangenheit zeigt, was eine Geldanlage bereits eingebracht hat. Für deine zukünftige Rendite ist aber entscheidend, welchen Preis du heute zahlst und welche Erträge du dafür erwarten kannst.
Ein Beispiel: Warum ein höherer Preis die Rendite verändern kann
Stell dir vor, du kaufst eine Geldanlage für 100 Euro. Sie zahlt dir jedes Jahr 10 Euro aus. Das entspricht einer jährlichen Ausschüttungsrendite von zehn Prozent. Nun steigt der Preis dieser Anlage auf 200 Euro. An der jährlichen Auszahlung ändert sich jedoch nichts: Sie beträgt weiterhin 10 Euro.
Für jemanden, der erst jetzt kauft, sieht die Rechnung anders aus:
•Kaufpreis 100 Euro, jährliche Auszahlung 10 Euro: 10 Prozent Ausschüttungsrendite.
•Kaufpreis 200 Euro, jährliche Auszahlung 10 Euro: 5 Prozent Ausschüttungsrendite.
Obwohl die Anlage im Wert gestiegen ist, erhält ein neuer Käufer für jeden investierten Euro nur noch halb so viel jährliche Auszahlung. Wichtig ist dabei: Die fünf Prozent beschreiben nur die laufende Ausschüttungsrendite, nicht die gesamte Rendite der Anlage. Diese hängt auch davon ab, wie sich ihr Preis anschließend entwickelt. Das Beispiel orientiert sich an einer Anleihe mit dauerhaft gleichbleibenden Zahlungen. Bei Aktien ist die Situation etwas komplizierter, weil Unternehmensgewinne und Dividenden steigen oder sinken können. Trotzdem lässt sich daraus eine wichtige Erkenntnis ableiten: Ein hoher Kursgewinn in der Vergangenheit bedeutet nicht automatisch, dass ein neuer Käufer künftig ebenso hohe Erträge erzielen wird. Entscheidend ist auch, wie viel du heute für eine Geldanlage bezahlst.
Woher kommen Renditen bei Aktien eigentlich?
Um die zukünftigen Chancen einer Aktie besser einschätzen zu können, lohnt sich ein Blick darauf, wie ihre Rendite entsteht. Drei Faktoren spielen dabei eine wichtige Rolle.
1. Ausschüttungen: Manche Unternehmen geben einen Teil ihrer Gewinne als Dividende an ihre Aktionäre weiter. Auch Aktienrückkäufe können für die Bewertung der Erträge relevant sein.
2. Unternehmenswachstum: Steigen die Gewinne eines Unternehmens langfristig, kann das auch seinen Aktienkurs unterstützen.
3. Veränderungen der Bewertung: Anleger sind manchmal bereit, für dieselben Unternehmensgewinne mehr oder weniger zu bezahlen. Dadurch kann ein Aktienkurs steigen oder fallen, selbst wenn sich die Gewinne kaum verändern.
Gerade der dritte Punkt wird häufig unterschätzt. Wenn eine Aktie stark steigt, liegt das nicht zwangsläufig daran, dass das Unternehmen entsprechend mehr verdient. Möglicherweise sind die Erwartungen der Anleger gestiegen und sie akzeptieren inzwischen einen höheren Preis. Solange die Erwartungen hoch bleiben, kann der Aktienkurs weiter steigen. Werden sie enttäuscht, kann die Bewertung dagegen sinken.
Eine gute Unternehmensentwicklung und eine gute Aktienrendite sind deshalb nicht immer dasselbe. Auch der Kaufpreis entscheidet mit.
Wie erkennst du, ob eine Aktie teuer ist?
Ein möglicher Anhaltspunkt ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis, kurz KGV. Es zeigt, wie hoch der Aktienkurs im Verhältnis zum Gewinn je Aktie ist.
Ein einfaches Beispiel: Kostet eine Aktie 100 Euro und erzielt das Unternehmen einen Gewinn von 5 Euro je Aktie, liegt das KGV bei 20. Steigt der Aktienkurs auf 150 Euro, während der Gewinn unverändert bleibt, erhöht sich das KGV auf 30. Anleger zahlen jetzt also mehr für denselben Unternehmensgewinn. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass die Aktie überbewertet ist. Vielleicht erwarten die Anleger, dass das Unternehmen in Zukunft deutlich mehr verdient.
Für deine Anlageentscheidung ist deshalb nicht nur interessant, wie stark eine Aktie gestiegen ist, sondern auch, ob die zukünftige Gewinnentwicklung den aktuellen Preis rechtfertigen könnte.
Warum selbst Experten die Börse nicht zuverlässig vorhersagen können
Können Anleger zukünftige Renditen überhaupt sinnvoll einschätzen? Die Antwort lautet: teilweise. Vor allem der Zeitraum spielt eine wichtige Rolle.
Das White Paper verweist unter anderem auf Untersuchungen von Invesco. Demnach haben bestimmte Bewertungskennzahlen bei der Vorhersage von Aktienrenditen über ein Jahr kaum Aussagekraft. Über längere Zeiträume zeigen sich dagegen deutlichere Zusammenhänge zwischen dem aktuellen Bewertungsniveau und den späteren Renditen.
Das bedeutet: Ob der Aktienmarkt im nächsten Jahr steigt oder fällt, lässt sich aus seiner heutigen Bewertung kaum zuverlässig ableiten. Für langfristige Renditeerwartungen können Bewertungen dagegen eine wichtige Orientierung bieten. Allerdings gibt es auch hier keine Sicherheit. Die Ergebnisse solcher Untersuchungen hängen unter anderem davon ab, welcher historische Zeitraum betrachtet wird. Selbst fundierte Prognosen können deshalb über viele Jahre danebenliegen.
Ein Beispiel dafür beschreibt eine im White Paper diskutierte Studie von Böni, Brüggemann und Kröncke: Anlagestrategien, die sich an langfristigen Renditeprognosen orientierten, zeigten theoretische Vorteile gegenüber festen Portfolioaufteilungen. In den tatsächlich erzielten Ergebnissen ließ sich dieser Vorteil während des untersuchten Zeitraums jedoch nicht statistisch nachweisen. Ein wichtiger Grund: Große US-Unternehmen wurden aufgrund ihrer hohen Bewertungen vergleichsweise niedrig gewichtet, entwickelten sich aber trotzdem über Jahre besonders gut.
Für Privatanleger bedeutet das: Eine teuer bewertete Aktie kann noch lange weiter steigen. Eine niedrige Bewertung garantiert umgekehrt keine Kursgewinne.
Deshalb eignen sich langfristige Renditeprognosen nicht dazu, den perfekten Zeitpunkt für einen Kauf oder Verkauf zu bestimmen.
Sind vergangene Renditen deshalb nutzlos?
Nein. Die Vergangenheit kann wichtige Hinweise darauf geben, wie sich eine Geldanlage unter unterschiedlichen Marktbedingungen verhalten hat. Beispielsweise lässt sich anhand historischer Daten untersuchen, wie stark Aktienkurse während früherer Wirtschaftskrisen gefallen sind oder wie lange bestimmte Erholungsphasen gedauert haben. Solche Informationen helfen dabei, mögliche Risiken besser zu verstehen. Auch langfristige Daten über Unternehmensgewinne und Wirtschaftswachstum können nützlich sein, um realistische Annahmen über die Zukunft zu entwickeln. Problematisch wird es erst, wenn Anleger vergangene Durchschnittsrenditen einfach auf die kommenden Jahre übertragen. Angenommen, eine Geldanlage hat in den vergangenen zehn Jahren durchschnittlich acht Prozent Rendite pro Jahr erzielt. Das heißt nicht, dass du für die nächsten zehn Jahre ebenfalls mit acht Prozent rechnen kannst. Die historischen Gewinne können beispielsweise durch steigende Unternehmensbewertungen begünstigt worden sein. Solche Kurssteigerungen lassen sich nicht beliebig oft wiederholen.
Was du daraus lernen kannst: Nutze historische Renditen, um die bisherige Entwicklung und mögliche Risiken einer Geldanlage zu verstehen. Behandle sie aber nicht als zuverlässige Prognose für deine zukünftigen Gewinne.
Was bedeutet das konkret für deine Geldanlage?
Die Erkenntnisse sind nicht nur für professionelle Portfoliomanager interessant. Auch wenn du privat investierst, kannst du daraus einige praktische Regeln ableiten.
1. Plane deine Geldanlage nicht mit einer einzigen Renditezahl
Vielleicht hast du schon einmal ausgerechnet, wie viel Geld du in 20 Jahren besitzen könntest, wenn deine Investitionen jährlich eine bestimmte Rendite erzielen. Solche Rechnungen können beim Sparen und Investieren helfen. Problematisch wird es, wenn du das Ergebnis als sichere Erwartung betrachtest.
Ein Beispiel: Du investierst einmalig 10.000 Euro und lässt das Geld 20 Jahre angelegt. Bei einer angenommenen jährlichen Rendite von vier Prozent würden daraus rund 21.900 Euro.
Bei sechs Prozent wären es rund 32.100 Euro. Bei acht Prozent sogar rund 46.600 Euro. Die Unterschiede sind erheblich. Dabei handelt es sich um vereinfachte Rechenbeispiele mit konstanten rechnerischen Jahresrenditen, ohne Steuern, Gebühren und Inflation. Die tatsächliche Wertentwicklung kann deutlich schwanken und auch zu Verlusten führen.
Was du tun kannst: Rechne bei deiner langfristigen Finanzplanung mit mehreren möglichen Renditeszenarien statt nur mit einer optimistischen Annahme. So erkennst du, wie stark dein finanzielles Ziel von der tatsächlichen Entwicklung deiner Investitionen abhängt.
2. Frage dich, was passiert, wenn deine Erwartungen nicht eintreffen
Eine der wichtigsten Fragen bei der Geldanlage lautet nicht nur: Wie viel könnte ich verdienen? Sondern auch: Was passiert, wenn meine Erwartungen falsch sind? Stell dir vor, du möchtest in fünf Jahren eine Immobilie kaufen. Einen Teil des benötigten Geldes hast du in Aktien angelegt. Du gehst davon aus, dass deine Investitionen bis dahin deutlich an Wert gewinnen. Doch was passiert, wenn die Börse ausgerechnet kurz vor dem geplanten Immobilienkauf stark fällt? Möglicherweise steht dir dann weniger Geld zur Verfügung als erwartet. Im schlimmsten Fall musst du deinen Plan verschieben oder einen Teil deiner Anlagen mit Verlust verkaufen.
Was du tun kannst: Überlege vor einer Investition, wann du das Geld voraussichtlich benötigst und welche Verluste du bis dahin verkraften könntest. Geld, das du in wenigen Jahren für ein festes Ziel brauchst, sollte nicht automatisch genauso angelegt werden wie Geld, das du über Jahrzehnte investieren kannst.
3. Lass dich nicht allein von den Gewinnern der vergangenen Jahre leiten
Gerade nach längeren Phasen steigender Aktienkurse ist die Versuchung groß, vor allem in die bisherigen Gewinner zu investieren. Doch hohe vergangene Renditen können auch mit gestiegenen Bewertungen verbunden sein. Wer sein gesamtes Geld auf wenige besonders erfolgreiche Unternehmen konzentriert, geht außerdem ein zusätzliches Risiko ein: Entwickeln sich diese Unternehmen schlechter als erwartet, kann das erhebliche Auswirkungen auf das gesamte Vermögen haben.
Was du tun kannst: Überprüfe, wie stark deine Investitionen auf einzelne Unternehmen, Branchen oder Märkte konzentriert sind. Eine breite Streuung kann das Risiko verringern, von der Entwicklung einzelner Anlagen abhängig zu sein. Sie schützt allerdings nicht vor allgemeinen Kursverlusten.
4. Prüfe regelmäßig, ob deine ursprünglichen Annahmen noch stimmen
Vielleicht hast du eine Aktie gekauft, weil du davon ausgegangen bist, dass das Unternehmen in den nächsten Jahren stark wachsen wird. Doch inzwischen entwickeln sich die Gewinne schwächer als erwartet. Gleichzeitig ist der Aktienkurs deutlich gestiegen. In diesem Fall kann es sinnvoll sein, deine ursprüngliche Einschätzung zu überprüfen. Das bedeutet nicht, dass du bei jeder Kursbewegung sofort kaufen oder verkaufen solltest. Es geht vielmehr darum, zwischen kurzfristigen Marktschwankungen und grundlegenden Veränderungen zu unterscheiden.
Was du tun kannst: Halte bei einer Investition fest, welche Erwartungen du an das Unternehmen hast und welche Entwicklungen deine Einschätzung verändern würden. So kannst du später besser beurteilen, ob deine ursprünglichen Gründe für die Investition weiterhin gelten.
Fazit: Nicht nur zurückschauen, sondern nach vorne denken
Vergangene Renditen sind interessant. Sie zeigen, wie sich eine Geldanlage unter bestimmten Marktbedingungen entwickelt hat. Was sie nicht zeigen: Welche Rendite du ab heute erwarten kannst. Das White Paper der Portfolio Selection GmbH macht deutlich, warum langfristige Renditeerwartungen nicht allein auf historischen Durchschnittswerten beruhen sollten. Faktoren wie laufende Erträge, Unternehmenswachstum und aktuelle Bewertungen können helfen, zukünftige Chancen realistischer einzuschätzen. Allerdings bleiben auch solche Prognosen mit Unsicherheit verbunden. Niemand weiß zuverlässig, welche Aktien oder Märkte in den nächsten Jahren die besten Ergebnisse erzielen werden. Für deine eigenen Anlageentscheidungen kannst du dir deshalb vier Fragen stellen:
Warum war diese Anlage bisher erfolgreich? Ist der aktuelle Preis angesichts der Zukunftsaussichten angemessen? Wie stark bin ich von einzelnen Unternehmen oder Märkten abhängig? Und was passiert mit meiner Finanzplanung, wenn die Rendite niedriger ausfällt als erwartet?
Wer diese Fragen berücksichtigt, kann seine Investitionen bewusster beurteilen, statt sich allein von vergangenen Gewinnen überzeugen zu lassen.
Der Artikel basiert auf dem White Paper „Rückspiegel oder Frontscheibe? Wie man Renditen sinnvoll prognostiziert und welche Fehler man unbedingt vermeiden sollte“ der Portfolio Selection GmbH vom 19. Oktober 2026. Die Veröffentlichung erläutert unter anderem wissenschaftliche Untersuchungen und langfristige Kapitalmarktprognosen. Die dargestellten Einschätzungen sind keine Garantie für zukünftige Anlageergebnisse.