© Waldemar Ariel Gala
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Auswandern: Was kostet das Leben in Polen?

von Michael André Ankermüller

Waldemar Ariel ist ein Gründer, der mit 18 Jahren sein erstes Unternehmen gründete, grandios scheiterte und in die Obdachlosigkeit rutschte. Sein anschließend gegründetes Unternehmen führte er 2006 erfolgreich zum Exit. Danach folgten kleinere StartUp-Beteiligungen und Aufbau eines StartUp-Inkubators in Posen. Seit zwei Jahren widmet sich Waldemar dem PropTech COLIVIA, einem Co-Living Betreiber. COLIVIA zählt zu den am schnellsten skalierenden StartUps in Osteuropa während der Pandemie. Sein Motto: "Aufgeben ist zu einfach und verliere niemals den Fokus und Mut", verhalf ihm zu einer mittlerweile erfolgreichen Karriere.

1. Warum bist Du nach Polen gegangen und was hält Dich dort?

Anfangs war es ein Angebot eines Family Offices, für den ich ein Inkubator für neue StartUps in Polen aufbauen sollte. Als dieser verkauft wurde blieb ich dort, um eigene Gründungen aus Polen heraus zu skalieren. Der enorme Wettbewerb in der Berliner StartUps Szene bezüglich IT Talente, bewog mich dazu langfristig in Polen zu bleiben, um mir einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Berliner StartUps zu sichern, dank der verfügbaren High Potentials in Polen die mit mir oder für mich meine Ideen umsetzen. Außerhalb des Beruflichen hält mich in Polen die Lebenseinstellung, „geht nicht, gibt es nicht“, die familiäre Kultur, die Offenheit der Stadt Posen und das alles ein wenig kleiner, entspannter als in Berlin ist, trotzdem ich aber mein geliebtes Berlin jederzeit innerhalb von nur zwei Stunden erreichen kann.

2. Was können die Deutschen von den Polen lernen? Und möglicherweise andersherum?

Auf jeden Fall den Drang zur Digitalisierung. Ich kann bereits seit über einem Jahr alle Behördengänge digital erledigen, habe flächendeckend LTE, keine Funklöcher, 5G ist fast überall in der Stadt verfügbar und sogar beim Bäcker kann ich mit der Karte zahlen. 200 MBit Leitungen sind ein absoluter Standard und Internetanschlüsse sind innerhalb von drei Tagen gelegt. Ein absoluter Traum für jeden Digital Worker.

Die Polen können wiederum mehr Gelassenheit im Business, sowie Kooperationsbereitschaft von uns lernen. Nur ganz selten kooperieren zwei in ähnlichen Feldern tätige Unternehmen miteinander. Im Business wird selten das „wir“ in den Vordergrund gestellt und Wettbewerb sehr sehr ernst genommen. Insbesondere StartUps müssen sich mehr öffnen. Ich sitze aber auch nicht hardcore in der Branche drin, sehe vieles nur von der Seitenlinie und koche mein eigenes Süppchen mit StartUps, die aus Polen heraus Richtung Ausland arbeiten.

Was mich in Deutschland in Bezug auf Polen stört, ist die allgemeine Meinung das viele noch denken, es sei ein Entwicklungsland. Klar, in einigen Bereichen mag das noch zutreffen, in den meisten Bereichen sind die Polen uns aber inzwischen Voraus und wenn man allein die rasante Geschwindigkeit bei dem Bau von Skylines der größeren Städte anschaut, sieht man was für ein Potenzial das Land hat und das es auch in Bezug auf Investments sich lohnt rüber zu schauen.

3. Welche 3 Tipps würdest du einem Deutschen geben, der auch nach Polen auswandern will?

Demut! 

Polen hat noch tiefe Wunden aus der Historie, die Geschichten von Oma und Opa sitzen leider auch noch tief in der DNA einiger junger Polen. Nicht selten wird man mit Vorurteilen konfrontiert, der arrogante Deutsche kommt in unser Land, um Geld zu verdienen. Eine gewisse Lockerheit, Portion Humor und Verständnis tut gut, entkräftet oft auf Ämtern solche Vorurteile. Außerdem hilft es sehr sich im Vorfeld gut vorzubereiten, denn schnelle Mietverträge funktionieren in Polen nicht oder man zahlt extrem drauf. Englisch ist bei jungen Leuten Gang und Gäbe, die Altersgruppe über 40 Jahren spricht sehr sehr selten eine Fremdsprache. Hier helfen ein paar Brocken polnisch, besonders als Türöffner bei Behördengängen. Wichtig ist es einen guten Steuerberater zu haben, denn die Strafen bei verspäteten Anmeldungen sind in Polen sehr hoch.

4) Wie teuer ist das Leben in Polen im Vergleich zu Deutschland?

In Polen ist alles eine Frage des Standards, den man sich wünscht. Es kann in der polnischen Hauptstadt Warschau schnell viel teurer werden als in Berlin. Warschau hat eine absolute Sonderstellung in Polen und ist vor allem bei Mieten deutlich teurer, als das was wir aus unseren Städten kennen. 

Posen, Krakau, Breslau und Danzig sind da weit lebenswerter. 

In Posen musst Du durchschnittlich umgerechnet 750 Euro für eine Wohnung mit guten Standard in Citylage rechnen (exklusive Nebenkosten, die sich auf ca. 50.- EUR im Monat belaufen). Telekommunikation und Internet sind hingegen sehr günstig, 5G-Tarife gibt es ab 20 Euro monatlich und maximal 25-30 Euro je nach Netzanbieter. Den größten Vorteil sehe ich bei Lebensmitteln. Restaurantbesuchen mit der ganzen Familie und mit richtig gutem Essen mit Wein und Co. kostet ebenfalls selten mehr als 100 Euro. Auch wenn man selbst kocht, kommt man in Polen super mit 200-300 Euro im Monat zurecht.

5) Krankenversicherung, Steuern, Rentenversicherung? Wie wird das in Polen gehandhabt?

Es gibt nur eine staatliche Krankenkasse in die alle Menschen einzahlen müssen, es sei denn Du weist nach, dass Du woanders in der EU (privat) versichert geblieben bist, dann bist Du davon befreit. Die Krankenversicherung kostet etwa 200 Euro für Unternehmer und ist grottenschlecht, sodass zu empfehlen ist, dass man sich zusätzlich privat versichert, was nochmals um die 50 Euro kostet.

Rentenversicherung und Steuern sind einkommensabhängig und belaufen sich auf 20-30% Steuern je nach Einkommen. Hier macht es Sinn über eine vermögensverwaltende GmbH in Polen nachzudenken, um deutlich Steuern zu sparen. Alles im allem ist es günstiger als in Deutschland, nur auf die Krankenversicherung sollte mein unter keinen Umständen aufbauen. Hier würde ich lieber eine weltweite private Krankenversicherung abschließen oder in Deutschland versichert bleiben.

6) Welchen geheimen Spartipp hast Du für das Leben in Polen entdeckt?

S24 GmbHs! Man kann Gesellschaften mit beschränkter Haftung online gründen, sobald man die polnische e-Karte für digitale Behördengänge hat. Spart einem wahnsinnig viele Notarkosten bei Änderungen, Beteiligungen oder Kapitalerhöhungen. Wohnen außerhalb der super zentralen Lagen spart auch viel Geld und da die Städte außer Warschau alle so klein sind, kommt man eh überall innerhalb von nur 15 Minuten hin. Ein weiterer Tipp: Keinesfalls im Neubau anmieten! Genießt lieber den Charme des Altbaus in Polen, die Wände sind noch schalldicht gebaut und man kann wirklich wunderschöne Perlen zu bezahlbaren Konditionen finden.

7) Welches Produkt ist in Polen besonders teuer und welches Produkt sehr günstig?

Das ist schwer zu sagen. Allgemein sind Lebensmittel günstig, Telekommunikation sehr günstig und auch Spritkosten sind wegen der geringeren Steuer günstiger. Alkohol und Wein sind in Polen jedoch teurer teurer. Spezialisierte Technik und Apple-Produkte lohnen sich auch nicht in Polen zu kaufen.

8) Hast Du einen Tipp für die Jobsuche für Einwanderer in Polen?

Nahezu alle deutschen Konzerne sind mit ihren Call-Centern und IT-Abteilungen in Polen vertreten. Die kann man direkt anschreiben. Ansonsten kann ich gerade für StartUp-Jobs die Plattform "NoFluff Jobs" und diverse Facebook-Gruppen empfehlen. Im Zweifelsfall kannst du mich aber auch gerne anrufen.

9) Wie sieht dein neuer Alltag in Polen aus? Was hat sich hier am meisten zum alten Leben verändert?

Mehr Freizeit. Die Work-Life-Balance wird in Polen eindeutig größer geschrieben. Ansonsten ist die Qualität von Lebensmitteln hier viel besser. Wir haben sensationelle Gastronomie und immer wieder was Neues zu entdecken.

10) Welche Rolle spielt Geld in der Gesellschaft in Polen? Was würdest Du sagen?

Sehr wichtig, denn Polen ist ein „Aufholland“, wo Wohlstand jetzt erst ankommt. Du hast hier Unternehmer, die nach Fall der Sowjetunion extrem viel geleistet haben und das Land mitgestalten und verändern. Ich hab den Eindruck, dass erst in der jüngeren Generation Geld nicht so eine große Rolle spielt. Unternehmer definieren sich gern über Autos, große Wohnungen und allen voran Reisemöglichkeiten, der Pole reist fürs Leben gern.

Aber so sehr hier beruflich vieles über den Faktor Geld definiert wird, so kenne ich privat kaum Menschen die familiärer und hilfsbereiter als Polen sind. Großzügigkeit in Speise und Trank ist hier ein kulturelles Gut und man fühlt sich Dank dessen in Polen sehr sehr gut. Das kennt man in der ausgeprägten Form sonst nur von Italienern.

ein Artikel von
Michael André Ankermüller
Michael André Ankermüller
Michael lebt in Berlin und arbeitet als Journalist, Blogger, Autor sowie Berater für Digitale Medien. 2014 gründete er das sehr erfolgreiche Blogazine Blog.Bohème sowie Nebenseason & Kids.Bohème.

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