Wieder bin ich im Gespräch mit einer erfahrenen Fachkraft. IT, seit 24 Jahren bei einem Automobilzulieferer und jetzt wird Schritt für Schritt, Mitarbeiter für Mitarbeiter die Produktion nach China ausgelagert. “Ich muss mir wohl oder übel was Neues suchen, aber wo ist meine Erfahrung denn noch was wert?” Bei den anderen in der Branche sieht es ja nicht besser aus.
Ähnliche Aussagen höre ich von einer Grafikdesignerin. “Auch meine ehemaligen Studienkollegen sind alle arbeitslos. Jetzt bin ich ausgebildet, habe meinen Traumjob gelernt – und es gibt keine Jobs mehr für uns, weil keiner mehr für unsere Expertise bezahlen will.”
Das sind leider keine Einzelfälle. Bis 2030 werden weltweit 92 Mio. Jobs wegfallen. Gleichzeitig entstehen zwar 170 Mio. neue Jobs, doch die werden zum Teil andere Jobprofile haben (World Economic Forum, Future of Jobs Report, 2025).
Berufliche Neuorientierungen sind keine private Herausforderung mehr, sondern eine gesellschaftliche. Für beide Seiten: Arbeitgeber wie Arbeitnehmer.
Interessant ist, dass gleichzeitig eine andere Entwicklung den Wert von beruflichen Kompetenzen beeinflusst. Fachwissen ist längst nicht mehr das einzige, was zählt, um beruflich erfolgreich zu sein.
Sowohl der Bericht “Future Skills 2030″, der 2025 vom Stifterverband in Zusammenarbeit mit McKinsey & Company veröffentlicht wurde, als auch der bereits erwähnte Future of Jobs Report des Weltwirtschaftsforum von 2025 machen klar, die Kompetenzen, die in Jobs immer wichtiger werden, sind übergreifende Fähigkeiten.
Auf den obersten Plätzen der sogenannten “Future Skills” sind Anpassungsfähigkeit und innere Stärke, kreatives Denken und Problemlösen sowie die Fähigkeit, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten.
Es geht nicht mehr nur noch darum, wie viel jemand weiß, sondern um die Anwendung dieses Wissens mit der Art und Weise, wie jemand denkt, fühlt und mit anderen umgeht. Das sind Eigenschaften, die in unserer Persönlichkeit verankert sind.
Unsere Arbeitswelt ist im Wandel. Damit verschiebt sich auch der Wert von Kompetenzen.
Ich denke da an ein Zitat von Minouche Shafik, dem früheren Direktor der London School of Economics:
„In the past, jobs were about muscles, now they’re about brains, but in the future they’ll be about the heart.“
Das ist die gute Nachricht: Denn persönliche Kompetenzen, also Fähigkeiten, die in unserem Herzen, also unsere Persönlichkeit liegen, haben wir alle. Wir alle haben eine einzigartige Art zu denken, zu fühlen und mit anderen Menschen umzugehen.
Für eine berufliche Neuorientierung liegt genau hier die Chance. Das Wissen um die eigenen persönlichen Kompetenzen ist entscheidend, um auch in anderen Branchen und Jobprofilen Fuß zu fassen und dabei nicht von vorne anfangen zu müssen. Wer weiß, wo die eigenen persönlichen Kompetenzen, die fachlichen gut ergänzen, wird auch eine Neuorientierung erfolgreich meistern können.
Auch wenn eine solche Neuorientierung herausfordernd bleiben kann, gerade wenn sie nicht selbstgewählt ist – sie muss keine finanzielle Hiobsbotschaft sein.
Nachdem ich bereits hunderte Menschen in einer beruflichen Neuorientierung begleitet habe, sehe ich gerade hier ein großes Potenzial, das von den meisten übersehen wird. Die wenigsten konnten benennen, was ihre Arbeit neben den Abschlüssen und spezifischen Branchenkenntnissen ausmacht und wer es benennen konnte, unterschätzte häufig den Wert genau dieser Fähigkeiten.
Doch je klarer man weiß und benennen kann, was man wirklich gut kann, auch neben der bisherigen fachlichen Expertise, desto leichter wird man den Wert der eigenen Arbeit kommunizieren können und sich auch selbstbewusst und erfolgreich in anderen Bereichen entwickeln können.