Euro, Dollar, Schilling

Total Eclipse

von Volker Schilling

ZASTER-Kolumnist Volker Schilling analysiert auch in dieser Woche wieder das Geschehen auf den Finanzmärkten.

Total Eclipse of the Heart

Die Welt hat diese Woche eine ihrer unverwechselbarsten Stimmen verloren. Bonnie Tyler ist im Alter von 75 Jahren gestorben. Eine Stimme, die klang, als hätte sie bereits vor dem Frühstück drei Krisen, zwei Börsencrashs und einen Auftritt von Donald Trump überstanden. Passender hätte der Soundtrack für diese Woche kaum sein können: Total Eclipse of the Heart. Gerade schien über den Börsen wieder die Sonne, da schob sich der Iran-Konflikt vor das Licht. Trump erklärte das Abkommen kurzerhand für vorbei, der Ölpreis sprang nach oben und die Aktienmärkte nach unten. Here She Comes, die geopolitische Risikoprämie ist zurück. Für Anleger ist das gleich doppelt unangenehm. Ein höherer Ölpreis belastet nicht nur die Konjunktur, sondern bringt auch die Inflation zurück auf die Bühne. Und plötzlich heißt es an den Märkten wieder Have You Ever Seen the Rain? Dabei zeigte sich Trump beim NATO-Gipfel in Ankara zunächst von seiner versöhnlichen Seite. Das Bündnis bekannte sich erneut zu Artikel 5, die Europäer präsentierten steigende Verteidigungsausgaben und selbst Trump sprach am Ende von einem erfolgreichen Gipfel. Believe in Me lautete offenbar die Botschaft der Europäer an den amerikanischen Präsidenten. Nur einer durfte nicht mitfeiern: Spanien. Trump attackierte Madrid wegen zu geringer Verteidigungsausgaben und forderte sogar einen Handelsstopp. Lost in France war gestern, heute ist Spanien die ungeliebte Nation. Gerade glaubt man, The World Starts Tonight, da wird es am nächsten Morgen schon wieder dunkel.

Holding Out for a Hero

Dabei könnte der amerikanische Kontinent einen Hero gerade gut gebrauchen. Der Arbeitsmarkt schwächelt, die Inflation bleibt hartnäckig und der fallende Ölpreis droht wieder zu kippen. Zinssenkungen? Zinserhöhungen? Abwarten? Holding Out for a Hero, Notenbankchef Kevin Warsh, nur weiß niemand so genau, was der Held eigentlich tun soll. Die jüngsten US-Arbeitsmarktdaten enttäuschten. Eigentlich ein Argument für niedrigere Zinsen. Gleichzeitig warnt die Fed weiter vor Inflationsrisiken: It’s a Heartache. Besonders pikant ist dabei ausgerechnet der KI-Boom. Künstliche Intelligenz sollte die Produktivität erhöhen, Kosten senken und die Welt effizienter machen. Nun könnten die gigantischen Investitionen in Rechenzentren, Chips, Stromnetze und Infrastruktur selbst zum Inflationstreiber werden. Die KI frisst Chips, Strom, Kupfer, Kapital und am Ende vielleicht auch noch die Zinssenkungen. Faster Than the Speed of Night fließen derzeit Milliarden in neue Rechenzentren. Für Nvidia, Broadcom und Co. war das lange eine wunderbare Geschichte. In dieser Woche gerieten Chipwerte allerdings unter Druck. Der Börsianer weiß längst: Helden erkennt man meistens erst hinterher. Vorher nennt man sie Spekulanten. Aber:

The Best Is Yet to Come

Nach Iran, Inflation, Zinsen und fallenden Börsen könnte man jetzt natürlich verzweifeln. Aber Bonnie Tyler hätte vermutlich gesagt: Don’t Turn Around. Denn zwischen all den Krisen gab es in dieser Woche auch erstaunlich gute Nachrichten. Der NATO-Gipfel endete erfolgreicher als viele erwartet hatten. Europa übernimmt mehr Verantwortung für seine eigene Sicherheit. Die transatlantischen Beziehungen sind trotz aller verbalen Attacken erstaunlich belastbar. Und selbst der Handel zwischen Europa und den USA erreichte trotz aller Zolldrohungen neue Rekordwerte. Politiker bauen Handelsbarrieren, Unternehmen bauen Handelsbeziehungen. Straight from the Heart ist das sicher nicht. Aber direkt in die Bilanzen. Gelingt damit wieder Wirtschaftswachstum? If You Were a Woman (And I Was a Man) wäre vermutlich einfacher zu beantworten. Aber Börse lebt nicht von Gewissheiten. Börse lebt von Wahrscheinlichkeiten. Und manchmal auch von Zuversicht. Bonnie Tyler hat einmal gesungen: Simply Believe. Der Iran-Konflikt kann eskalieren. Der Ölpreis kann steigen. Die Fed kann die Zinsen erhöhen. Die KI-Blase kann Luft verlieren und Donald Trump kann jederzeit den nächsten Verbündeten von seiner Weihnachtskartenliste streichen. Die Börse kann aber trotzdem steigen. Die Welt hat mit Bonnie Tyler eine außergewöhnliche Stimme verloren. Eine Stimme, die uns gelehrt hat, dass selbst Herzschmerz mit genügend Gitarren, Pathos und einer gehörigen Portion Zuversicht irgendwann ziemlich gut klingen kann. Deshalb verabschiede ich mich diese Woche mit dem Titel ihres letzten Studioalbums: The Best Is Yet to Come. Hoffen wir, dass sie recht behält.

 

Ihr Volker Schilling

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Volker Schilling
Volker Schilling

Volker Schilling ist Gründer und Mitglied des Vorstandes der Greiff capital management AG und Asset Manager bei Der Zukunftsfonds. Er ist regelmäßig gefragter Experte für Fernsehsender (n-tv, Bloomberg, ARD Börse) und viele andere Medien. In seiner ZASTER-Kolumne „Euro, Dollar, Schilling“ blickt er jeden Freitag auf die wichtigsten Themen des Finanzmarkts zurück.