DAS HÄTTE ES FRÜHER NICHT GEGEBEN

My Smartphone ist my castle!

von Emina Benalia

Nicht ohne mein Handy! Dass das Smartphone heute so viel mehr ist, als einfach ein schnurloses Telefon, werden die Eltern wohl nie verstehen.

Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass mein Smartphone das ist, was ich als erstes aus einem brennenden Haus retten würde (denn ich habe ja eine Cloud), aber vermutlich wäre es unter den Top 3. Na ja. Wahrscheinlich hätte ich es sowieso bei mir. Denn an wenig hänge ich mehr, als an diesem kleinen Ding, das mir hilft, mich zu erinnern, mit Freunden zu sprechen, alles auf Bildern festzuhalten, zu arbeiten, Texte zu schreiben, das Wetter zu erfahren, meine Mails zu lesen. My Smartphone is my castle.

Alle zwei Jahre kaufe ich mir ein neues und verkaufe das alte Telefon. Das kostet mich im Schnitt abzüglich des Wiederverkaufs um die 300 Euro im Jahr (wenn ich es zwei Jahre behalte). Würde ich es direkt kaufen. Aber weil ich es wie die meisten dummen Menschen über meinen Mobilfunkanbieter abstottere, bezahle ich eher 500 pro Jahr. Dafür habe ich dann zusätzlich eine Daten-Flat und all die anderen Bequemlichkeiten, die mir dabei helfen, noch viel, viel mehr online zu sein und deshalb noch viel, viel mehr zu konsumieren.

Und nicht nur für den Vertrag und das Telefon gebe ich eine Menge Geld aus, sondern auch für Apps und Dienste. Zwei Clouds, hier eine Premium-Version, da ein Abo. Für mich wurde all das in den letzten Jahren selbstverständlich. Denn Mein Telefon ist eine Art externes Gehirn, der Kopfersatz, wenn alles Chaos und Termine und Kopfweh und Überforderung ist. Es erinnert mich an den Zahnarzt, ich überweise Geld damit, bezahle Freunden Geld zurück, ich speichere mein ganzes Leben und alle Texte in der Cloud. Wenn ich tot bin, findet man mein ich noch immer in der Cloud, meine Gedanken noch immer in App Speichern und alle Menschen, die mir wichtig sind, im digitalen Telefonbuch.

Ich bin fünfunddreißig Jahre alt – ich gehöre also zu den Menschen, die in der Schizophrenie der Digitalität aufgewachsen sind. Ein halbes Leben ohne Internet und Smartphone. Und die andere Hälfte mit. Daneben: Meine Eltern, von denen nur einer ein Smartphone hat, das beide dann nutzen.

Das Smartphone meiner Mutter kann so gut wie nichts: es kann Bilder, WhatsApp und es sagt, welches Sternenbild gerade zu sehen ist. Das ist völlig ausreichend, finden beide. Wenn die Nummer auf meinem Display erscheint, weiß ich nie, ob Mama, Papa, meine Schwester oder alle zusammen dran sind. Man kann sagen, dass unsere Art, wie wir ein Smartphone bedienen, sich ungefähr so ähnlich sind wie mein veganes Essen mit der Gulaschsuppe meiner Mutter.

Meine Eltern verstehen zwar, warum mein Telefon mir so wichtig ist – aber aus den falschen Gründen. Sie begreifen, dass ich damit arbeite und schreibe. Aber sie können niemals nachempfinden, was es für mich bedeutet würde, alle Daten darauf zu verlieren. Sie verstehen nicht, warum man die Premium-Funktion einer App braucht – das bisschen Werbung kann man ja wegignorieren. Das kann man natürlich – wenn man eben diese App nur alle zwei Wochen für 50 Sekunden benutzt.

Wenn sie sich langweilen, schauen sie fernsehen. Ich habe seit über sechs Jahren keinen mehr. Wenn ich ausnahmsweise mal so crazy bin und einen „richtigen“ Film mit jemandem zusammenschauen will, gucken wir den im Bett auf dem Laptop.

Ihre Bankgeschäfte machen Mama und Papa auf Papier – mit Überweisungsträgern, die sie sich regelmäßig abholen. Ebenso wie die Kontoauszüge. Alle Rechnungen. Alle Quittungen.

Ich hingegen bekomme kaum noch richtige Post, weil ich alles digitalisiert habe. Rechnungen via Mail. Kontoauszüge in der App. Geschäftliche Kommunikation nur noch elektronisch. Das schont die Umwelt (glaube ich), aber vor allem schont es meine Nerven. Denn ich habe immer alles dabei, falls mal jemand fragt. Und es könnte ja sein, dass morgen ein Kollege sagt: Julia, du, sag mal, was stand eigentlich unter Punkt 32 bei deiner letzten Steuererklärung? Dann kann ich sagen: Du, Volker, das sage ich dir gerne, einen Moment, ich schaue kurz in die E-Mail von meinem Steuerberater, der sie mir gescannt geschickt hat. Kann ja alles passieren, nicht wahr. Und ich, ich bin dann vorbereitet.

Meine Eltern, sie werden nie verstehen, was dieses kleine Gerät mir bedeutet. Das müssen sie aber ja zum Glück auch nicht. Ich aber wünsche mir in manchen Nächten, dass ich irgendwann, wenn sie mal nicht mehr da sind, ihr gemeinsames Smartphone entsperren könnte und sie noch immer irgendwie da sind, in ihren Worten, ihren Bildern, den Sternenbildern.

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ein Artikel von
Emina Benalia
"Wenn ich einmal reich wär", sang einst Anatevka in dem gleichnamigen Musical. Als Kind einer Musikwissenschaftlerin kannte Emina Benalia das Lied aus ihren Kindertagen. Viel mehr Wissen wurde ihr über Finanzen, Versicherungen und Geldanlagen zu Hause nicht vermittelt. Umso wichtiger ist es für sie, als ZASTER-Redakteurin diese Themen aufzuarbeiten und ihren Lesern verständlich zu vermittelt – sexy, fluffig, interessant, leidenschaftlich und informativ.