Space Invaders
Wer in den Achtzigerjahren seine Freizeit in Spielhallen verbracht hat, kennt das Gefühl. Eine Handvoll Münzen in der Tasche, blinkende Automaten vor den Augen und die Hoffnung, diesmal länger durchzuhalten als beim letzten Versuch. Die Börse wirkt dieser Tage erstaunlich ähnlich. Überall der Wunsch nach neuen Highscores, neuen Gegnern und neuen Spielern, die glauben, das Spiel verstanden zu haben. Der Automat der Woche heißt SpaceX. Mit einem Ausgabepreis von 135 Dollar und einer 3,5-fachen Überzeichnung hat Elon Musk den nächsten Highscore aufgestellt. Die Anleger stürmen auf die Aktie wie früher auf Space Invaders. Jeder will schießen, jeder will treffen, jeder will beim nächsten Bonuslevel dabei sein. Die letzten Zweifel werden wie bei Asteroids einfach aus dem Weg geschossen, während bei Galaxian immer neue Wellen von Investoren auf den Bildschirm fliegen. Die Altaktionäre spielen Defender und verteidigen ihre Positionen mit der Verbissenheit eines Endgegners. Und im Hintergrund läuft bereits das nächste Level. OpenAI, Anthropic und andere KI-Giganten wärmen sich für ihren Börsengang auf. Street Fighter auf Wall Street. Jeder kämpft um die Aufmerksamkeit der Anleger. Jeder will der nächste Champion werden. Wer wissen möchte, ob SpaceX dabei eher Bonuslevel oder Endgegner ist, findet meine Gedanken dazu im Finance Fight Club mit Stefan Riße bei Börse TV (Der gefährlichste Börsengang des Jahres?) sowie im aktuellen Interview bei Wallstreet Online (Nicht SpaceX, sondern Goldman Sachs). Die eigentliche Frage lautet aber ohnehin: Wie viele Münzen sind die Anleger noch bereit einzuwerfen?
Pac Man
Während die Börsenautomaten diese Woche keine neuen Highscores feiern, läuft auf dem Nachbarautomaten Pac Man. Und dort sieht die Welt noch weniger fröhlich aus. Die US-Inflation liegt bei 4,2 Prozent, die Kerninflation bei 2,9 Prozent. In Europa beträgt die Inflation 3,2 Prozent. Die EZB hat deshalb erstmals seit drei Jahren die Zinsen um 0,25 Prozent erhöht und signalisiert bereits weitere Schritte. Auch in den USA wird wieder offen über mögliche Zinserhöhungen diskutiert. Die Hoffnungen auf sinkende Zinsen wurden in dieser Woche jedenfalls gründlich aufgefressen. Pac Man frisst bekanntlich alles, was ihm vor die Nase kommt. Die Inflation frisst Kaufkraft. Die Notenbanken fressen Zinssenkungsfantasien. Und die Anleger versuchen, ihr Vermögen wie bei Frogger heil über eine mehrspurige Straße voller Risiken zu manövrieren. Von links rast die Inflation heran. Von rechts kommen steigende Renditen. Und irgendwo lauert Kevin Warsh als neuer Endgegner der Federal Reserve. Die Geister heißen inzwischen nicht mehr Blinky, Pinky, Inky und Clyde. Sie heißen Ölpreis, Staatsverschuldung, Inflation und Notenbanken. Und sie verfolgen die Anleger ebenso hartnäckig wie die Geister in Pac Man. Der Unterschied: Beim Arcade-Automaten kostete ein Fehler nur eine Münze. An der Börse kann es unter Umständen ein ganzer Sack voller Münzen sein. Und damit kommen wir zum beliebtesten Genre der Kapitalmärkte: Fantasie.
Final Fantasy
Goldman Sachs hat zur beginnenden Fußball-Weltmeisterschaft mehr als 20.000 Pflichtspiele ausgewertet und glaubt bereits zu wissen, wer am Ende Weltmeister wird. Das klingt ungefähr so wissenschaftlich wie die Vorhersage des Highscores, bevor überhaupt die erste Münze im Automaten steckt. Aber es passt hervorragend in unsere Zeit. Denn die Börse liebt Geschichten über die Zukunft. Das gilt nicht nur für Fußball. Es gilt für KI, für SpaceX, für OpenAI und für nahezu jede große Anlagegeschichte unserer Tage. Wir leben in einer Welt aus Final Fantasy. Die Zukunft wird gehandelt, lange bevor sie Realität wird. Und während Goldman den Weltmeister berechnet, nutzt Donald Trump die Fußball-Weltmeisterschaft bereits als geopolitische Bühne. Manchmal wirkt er dabei wie Donkey Kong, der von oben unablässig Fässer auf Spieler, Schiedsrichter und Verbündete wirft. Unten kämpft sich FIFA-Präsident Gianni Infantino durch das Chaos wie ein freundlich lächelnder Super Mario, der hofft, irgendwie heil ins nächste Level zu gelangen. Die Spielhalle schließt für heute. Doch jeder erfahrene Spieler weiß: Kurz bevor der Automat „Game Over“ anzeigt, erscheint meistens noch ein Endgegner. Insert Coin. Continue?
Ihr Volker Schilling