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ANGELEGT!

Und jetzt? Gesucht: Ein Plan für die Zeit nach dem Shutdown, Teil 2

von Leonhard Fischer

Vier Überlegungen, warum Asien seine Wirtschaft und Gesellschaft konsequent wieder hochfährt – und was die EU-Staaten davon lernen sollten.

In Zeiten größter Unsicherheit, wie genau jetzt, gibt es zwei wichtige Regeln der Entscheidungsfindung.

Erstens: Man sollte sowohl Selbstüberschätzung als auch Panik als Grundlage für Beschlüsse vermeiden.
Zweitens: Man sollte die getroffenen Entscheidungen ständig kritisch hinterfragen.

Das Letztere ist besonders schwer. Man denke an das Mark Twain zugeschriebene Bonmot „Ich mag Kritik, aber sie muss zu meinen Gunsten ausfallen“. Deshalb wird auch von höchster Stelle vor Diskussionsorgien gewarnt. In den entscheidenden Wochen im Februar hat die westliche Elite anders als die Demokratien Asiens das Virus aus China komplett verschlafen. Eine Selbstüberschätzung, wie wir schmerzlich lernen mussten.

Danach kam die Panik und überhastete Shutdowns mit noch gar nicht abschätzbaren Folgen für unsere Wirtschaft – und ja, auch unsere Gesundheit. Noch schlimmer: Während wir uns wochenlang Angst um die Klopapierversorgung hatten und ein staatliches Hilfspaket nach dem anderen angekündigt wurde, wird es in vielen armen Teilen der Welt um alles gehen. Es drohen humanitäre Katastrophen mit Millionen Toten als Folge von Hungersnöten und Epidemien jenseits von Corona.

Unsere Entscheidungen wiegen also sehr, sehr schwer – und einen risikolosen Weg gibt es nicht. Alles wird noch komplizierter dadurch, dass unsere Diskussionen um das Für und Wider der diversen Wege nach vorne eingebettet sind in eine Kakophonie von Expertenmeinungen. Und umrahmt von Horrorzahlen der undurchsichtigen Vorhersage-Modelle anderer Experten.

Jetzt wäre der Zeitpunkt gekommen, die bisherigen Vorhersagen und Entscheidungen kritisch zu hinterfragen. Doch das Interesse daran hält sich in engsten Grenzen. Im Gegenteil, es drängt sich der Eindruck auf, dass viele sich nichts mehr wünschen, als dass das schwedische Modell doch bitte komplett scheitert. Der Weg Schwedens zeichnet sich übrigens nicht dadurch aus, dass er Social Distancing ablehnt. Nein, es ist die Ruhe, der Mut und die demokratische Souveränität dieses Ansatzes, die anscheinend vielen Angst und Schrecken einjagen.

Was immer in Schweden passieren mag: Niemand weiß heute wirklich, wie wir Öffnung und Einschränkung – also Stützung unser Existenzgrundlage und Kampf gegen das Virus – richtig abwägen. Vergleichen wir allerdings die Zahlen Schwedens mit England, Frankreich, Spanien und Italien ist es zumindest fraglich, wieviel die harten Shutdowns am Ende überhaupt gebracht haben. Keiner von uns weiß genau, was das Richtige ist. Außer unser Außenminister vielleicht, der deshalb jetzt schon verkündet, dass die Grenzen in Europa auf Monate mehr oder weniger geschlossen bleiben müssen.

Darum wende ich den Blick mal wieder nach Asien. Und diesmal nicht zu den kleineren demokratischen Staaten, die diese Krise alle deutlich besser meistern als wir. Und deshalb von Tag zu Tag ökonomisch ein klein bisschen stärker dastehen als Europa. Nein, ich möchte über das Chinesische Wunder reden. Und ja, es muss ein Wunder sein.

In China, einem Land mit mehr als 1,3 Milliarden Einwohnern, ist das Virus ein bis zwei Monate vor uns ausgebrochen. Trotzdem weisen die Chinesen nach offiziellen Angaben weniger Infizierte und Todesfälle aus als das im Vergleich kleine Deutschland.

Und während in Europa auch nach rigorosen wochenlangen Ausgangsverboten, geschlossenen Geschäften und Grenzen die täglichen Fallzahlen (und leider auch: Todeszahlen) immer noch in die Tausende gehen, verkündet China schon seit vielen Wochen kaum noch neue Infektionsfälle.

Während wir also jeden Tag vor der zweiten Welle gewarnt werden und in einer Region mit über 30 Staaten (mit der Hälfte der Einwohnerzahl Chinas) geschlossene Grenzen für notwendig erachten, erreicht der Inlands-Flugverkehr in China schon wieder die Hälfte des Niveaus vor Corona. Die chinesischen Fluggesellschaften planen viele neue Verbindungen für den Sommer. Wie kann das gutgehen?

Ich möchte vier Überlegungen anbieten, die einzeln, und noch mehr in Kombination eine irdische Erklärung für dieses Wunder versuchen:

1

China lügt wie gedruckt und manipuliert die Zahlen. Das stimmt mit hoher Wahrscheinlichkeit gerade auch für die erste Infektionswelle, aber reicht das als Erklärung? Wohl nicht, denn dramatisch hohe Todesfälle einer starken zweiten Welle wären auf Dauer auch für eine Diktatur nur schwerlich zu unterdrücken.

2

Die Mischung aus Mundschutz und digitaler Überwachung der Bürger scheint zu funktionieren. Dafür spricht viel, und die Zahlen aus Taiwan und Südkorea zeigen Ähnliches.

3

Das Virus ist sicherlich hoch ansteckend. Aber bei gut koordinierten Gegenmaßnahmen wie eben Maskenpflicht und digitaler Überwachung ist es vielleicht auch ohne Shutdown deutlich besser zu beherrschen als die Modelle, auf die wir zurzeit so viele Entscheidungen stützen, behaupten.

4

Ja, das Virus ist gefährlich, aber die Sterberaten sind eventuell doch dramatisch niedriger – um einen Faktor 5 bis 10 – als zunächst angenommen.

Für mich spricht vieles dafür, dass diese vier Faktoren gemeinsam als Erklärung dienen, warum China seine Wirtschaft und Gesellschaft seit fast zwei Monaten konsequent wieder hochfährt.

Was bedeutet das für uns? Gerade als freie Gesellschaften müssen wir einen Weg finden, der jenseits der Shutdowns funktioniert.

Eine Möglichkeit wäre es, Elemente des schwedischen Ansatzes mit dem digitalen Tracking Asiens zu verbinden. Und zwar schnell.

Ich werde mein Handy nach der Krise zwar sicherheitshalber wegwerfen und mir ein neues kaufen, aber ich möchte meine Aussage von vor ein paar Wochen nochmal deutlich wiederholen: Wenn der Preis für offene Grenzen und ein Ende der unseligen Shutdowns ein temporäres digitales Tracking durch den Staat ist, dann müssen wir es nicht nur zulassen, sondern schleunigst einfordern.

Ich habe ernste Zweifel an der Effektivität der Shutdowns. An den dramatischen wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen gibt es für mich dagegen keinen Zweifel.

Wenn wir also nicht komplett ins Hintertreffen geraten wollen, muss jetzt etwas geschehen. Um es provokativ zu formulieren: Wenn die Staaten und Institutionen der EU in den kommenden Wochen nicht in der Lage sind, einen gemeinsamen Weg mit offenen Grenzen und intelligentem digitalen Risikomanagement zu finden, dann muss man sich die Frage stellen, wozu es den Laden überhaupt gibt! Um Geld in Form von Schulden zum Schaden der jungen Generation wochenlang in Videokonferenzen umzuverteilen? Europa muss eine effiziente, demokratische Antwort liefern!

Dabei mache ich mir um die Kapitalmärkte die wenigsten Sorgen. Sie und ihre Vertreter werden schon seit Wochen – anders als die vielen kleinen Unternehmen – unter Umgehung aller Regeln von den Zentralbanken mit Billionen an schneller Liquidität zugeschüttet.

Doch diesmal geht es ums Ganze. Und zwar um die Realwirtschaft, die letztlich unsere Existenzgrundlage und die der zukünftigen Generationen erwirtschaften muss.

ein Artikel von
Leonhard Fischer
Leonhard Fischer
Leonhard Fischer ist ein international anerkannter Kapitalmarkt-Experte und kreativer Vordenker im Finanzwesen. Das Manager Magazin bezeichnet ihn als "Banker mit Wunderkindzertifikat". Er begann als Investmentbanker bei J.P. Morgan und wurde mit nur 36 Jahren Vorstand bei der Dresdner Bank, später auch bei der Allianz. Er war CEO des Schweizer Versicherers Winterthur und Vorstand bei der Credit Suisse. 2017 erschien sein Buch "Es waren einmal Banker: Warum das moderne Finanzsystem gescheitert ist". Leonhard Fischer ist Vorsitzender des Anlageausschusses von Der Zukunftsfonds. In seiner ZASTER-Kolumne "Angelegt!" verrät er wertvolle Geheimnisse rund um die Geldanlage.

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