Erster Reiter: Gold
Die apokalyptischen Reiter Gold, Silber und Krypto künden eigentlich vom nahenden Unheil eines Geldsystems, doch diese Woche wurden sie selbst zu einem Buch mit sieben Siegeln, welches sogar Johannes eine Offenbarung versagt hätte. Und ich sah, wie sich das erste Siegel öffnete, und der Reiter kam hervor, golden glänzend, doch ohne Antwort. Gold steigt, wird gekauft, beschworen und verehrt wie in alten Zeiten.
Als Schutz gegen Dollar-Debasement, als Bollwerk gegen politische Verwerfungen, als letzte Instanz, wenn Papiergeld an Glaubwürdigkeit verliert. Mit dem angekündigten FED-Chef Kevin Warsh erlangt diese Offenbarung einen Rückschlag. Härtere Worte, mehr Machtpolitik, ein Dollar, der wieder Stärke demonstrieren soll und damit Zweifel sät an der trumpschen Apokalypse. Gold reagiert darauf nicht ruhig, sondern nervös. Es steigt nicht wie ein sicherer Hafen, sondern fällt wie ein Markt, der ahnt, dass Gefahr droht, ohne sie benennen zu können.
Der erste Reiter bringt keinen Frieden. Er bringt zwar Glanz, aber Unruhe. Der güldene Schein blendet die Befürworter und lässt die Augen golden glänzen in Erwartung nochmal günstiger Einstiegskurse. Hey, hey, hey ich war der goldene Reiter. Hey, hey, hey ich bin ein Kind dieser Stadt. Hey, hey, hey ich war so hoch auf der Leiter. Doch dann fiel ich ab, ja dann fiel ich ab.
Zweiter Reiter: Silber
Und ich sah, wie das zweite Siegel geöffnet wurde. Da kam ein Reiter hervor, nicht golden und nicht gelb, sondern schimmernd, als trüge er das Licht und zugleich den Schatten. Und sein Gang war unruhig. Denn Silber ist ein Metall mit zwei Seelen. Es ist Zuflucht und Fabrikstoff zugleich. Genau darin liegt sein Fluch, und genau darin liegt sein Reiz. Und siehe, der Preis stieg zu Höhen, die man zuvor kaum auszusprechen wagte, und am folgenden Tag fiel er, als wäre der Boden unter ihm fortgezogen. Silber berührte ein Rekordniveau und verlor dann binnen kürzester Zeit einen erheblichen Teil, als hätten die Händler nicht gehandelt, sondern nur noch ausgelöst.
Und es ging ein Raunen durch die Märkte, und man sprach von Liquidation, die aus China gekommen sei, und von Verkäufen, die nicht aus Überzeugung geschahen, sondern aus Zwang. Und der Reiter schlingerte, weil die Menge dünn war und die Spanne groß, und weil in Zeiten geringer Liquidität selbst ein Hauch zum Sturm wird. Und ich sah, wie viele nach der Silberkugel griffen, als wäre sie der letzte Schutz gegen den Werwolf der Geldentwertung. Andere suchten den Schatz im Silbersee, doch fanden nur hohe Wellen, die mehr nach der Achterbahn Silver Star aussahen als nach Zuflucht. Denn Silber fährt nicht, es schleudert. Und doch ist das Metall nicht grundlos begehrt. Es ist nicht nur Mythos.
Es ist Material. Es lebt vom Hunger der Industrie nach Solar, Elektronik und neuen Technologien, und es lebt von einem Markt, der über Angebotsdefizite spricht und darüber, dass Silber für viele zum günstigeren Bruder des Goldes geworden sei. Das Verhältnis von Gold zu Silber ist gefallen, als hätte das Haus Gold einen Teil seiner Aura an den ruhelosen Verwandten abgegeben. So bringt der zweite Reiter nicht Frieden, sondern Bewegung.
Dritter Reiter: Krypto
Und ich sah, wie das dritte Siegel geöffnet wurde. Da kam ein Reiter hervor, hastig und laut, und sein Gang war nicht auf festem Grund. Er trug kein Metall bei sich, keinen Glanz und keine Substanz, sondern Zahlen, die flimmerten wie Zeichen an der Wand. Und viele folgten ihm, denn er versprach Unabhängigkeit, Freiheit und Erlösung von allem, was zuvor gewesen war. Doch siehe, sein Lauf war unstet. Der Preis fiel schnell, als wäre ihm der Atem ausgegangen, und er erhob sich nur zögernd, als traue er der eigenen Kraft nicht mehr. Vertrauen wich Geschwindigkeit, Hoffnung wich Liquidation. Und die Menge erkannte, dass dieser Reiter nicht schützt, sondern prüft.
Denn Krypto kennt keine Zuflucht, nur Bewegung. Und es erschien das Biest, nicht mit Hörnern und Feuer, sondern mit Algorithmen und Hebeln. Es nährte sich von Gier und von Angst zugleich, und sein Zeichen war die Volatilität. Wo es vorbeiging, dort wurden Vermögen geteilt. Und viele nannten es Dezentralisierung, doch es herrschte zentral über Emotionen. So brachte der dritte Reiter keine Apokalypse, sondern Ernüchterung. Kein Ende der Welt, sondern das Ende der Gewissheit. Und die Offenbarung lautete nicht, dass alles vergeht, sondern dass nicht alles trägt. Wer Ohren hat, der höre. Wer glaubt, der prüfe. Denn nicht jeder Reiter, der schnell ist, führt aus der Finsternis.
Ihr Volker Schilling