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Klug Investiert

Die große Neubewertung der Finanzwerte

von Volker Schilling

Finanzwerte sind billig, profitieren von der größten IPO-Welle der Geschichte, verdienen an der KI-Euphorie mit und werden trotzdem noch bewertet, als kämen sie gerade erst aus der Finanzkrise.

Seit Jahren suchen Anleger nach den nächsten großen Gewinnern der Zukunft. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf künstliche Intelligenz, Raumfahrt, Robotik oder Quantencomputer. Doch während viele Technologieaktien inzwischen mit Vorschusslorbeeren und Höchstbewertungen gehandelt werden, findet sich einer der interessantesten Chancenbereiche ausgerechnet dort, wo die wenigsten suchen: bei Finanzwerten.

Banken, Versicherungen und Rückversicherer gehören heute zu den am günstigsten bewerteten Sektoren der Weltbörsen. Gleichzeitig verfügen sie über starke Bilanzen, hohe Kapitalquoten, attraktive Dividenden und milliardenschwere Aktienrückkaufprogramme. Dennoch werden viele Unternehmen noch immer so bewertet, als hätten sie die Folgen der Finanzkrise von 2008 nie vollständig überwunden.

Genau darin könnte die Chance liegen.

Die Finanzkrise ist vorbei. Die Bewertung nicht.

Kaum ein Sektor wurde in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten so kritisch betrachtet wie Finanzwerte. Die Finanzkrise hat tiefe Spuren im Anlegergedächtnis hinterlassen. Banken galten als hochverschuldet, regulatorisch eingeschränkt und strukturell unprofitabel. Versicherer litten unter Nullzinsen und geringen Kapitalerträgen.

Doch die Realität des Jahres 2026 sieht völlig anders aus.

Die Kapitalausstattung vieler Banken ist heute stärker als jemals zuvor. Die Eigenkapitalrenditen haben sich deutlich verbessert. Versicherer und Rückversicherer profitieren von einem deutlich attraktiveren Zinsumfeld. Gleichzeitig sorgen Digitalisierung, Effizienzprogramme und eine konsequente Kapitalallokation für steigende Profitabilität.

Trotzdem notieren viele Finanzwerte weiterhin mit Bewertungskennzahlen, die deutlich unter denen des Gesamtmarktes liegen. Während zahlreiche Technologieunternehmen mit hohen Zukunftserwartungen gehandelt werden, erhalten Anleger bei Finanzwerten bereits heute solide Gewinne, attraktive Ausschüttungen und oftmals einstellige oder niedrige zweistellige Gewinnmultiplikatoren.

Der nächste Katalysator: Die größte IPO-Welle seit Jahrzehnten

Doch günstige Bewertungen allein reichen selten aus, um eine Neubewertung auszulösen. Dafür braucht es einen Katalysator. Und genau dieser könnte bereits vor der Tür stehen.

Mit Unternehmen wie SpaceX, OpenAI, Anthropic, Databricks, Stripe, Revolut oder Canva wartet eine außergewöhnlich gut gefüllte Pipeline möglicher Börsengänge auf ihren Einsatz. Einige dieser Unternehmen könnten zu den größten und spektakulärsten Börsengängen der Kapitalmarktgeschichte gehören. Für die meisten Anleger steht dabei die Frage im Mittelpunkt, welche dieser Unternehmen langfristig die größten Gewinner sein werden.

Für Finanzwerte stellt sich eine andere Frage:

Wer verdient an jedem einzelnen Börsengang – unabhängig davon, welche Aktie später steigt oder fällt?

Jeder IPO erzeugt Beratungsmandate, Platzierungsprovisionen, Handelsumsätze, Derivategeschäfte, Research-Aufträge und oftmals weitere Kapitalmaßnahmen. Für Investmentbanken beginnt der Gewinn nicht nach dem Börsengang, sondern bereits davor. Eine lebhafte Emissions- und Kapitalmarktaktivität wirkt dabei wie ein Konjunkturprogramm für große Finanzhäuser. Die kommende IPO-Welle könnte deshalb genau jener Katalysator sein, der den Finanzsektor nach Jahren relativer Vernachlässigung wieder stärker in den Fokus der Anleger rückt. Wer sind die größten Profiteure?

Goldman Sachs – der Taktgeber der Kapitalmärkte

Wenn die Kapitalmärkte heiß laufen, gehört Goldman Sachs regelmäßig zu den ersten Profiteuren. Kaum ein Haus ist stärker mit dem globalen Investmentbanking verbunden. Ob Börsengänge, Fusionen, Übernahmen oder Kapitalerhöhungen, Goldman Sachs sitzt häufig dort am Tisch, wo die großen Transaktionen entstehen. Die eigentliche Stärke des Hauses liegt dabei nicht nur in einzelnen IPOs, sondern in der gesamten Wertschöpfungskette des Kapitalmarktes. Je höher die Aktivität von Unternehmen und Investoren, desto größer wird das Ertragspotenzial. Goldman Sachs ist damit weniger eine Wette auf einzelne Börsengänge als vielmehr auf einen insgesamt dynamischeren Kapitalmarktzyklus.

Morgan Stanley – die Vermögensmaschine hinter dem Börsenboom

Morgan Stanley profitiert auf andere Weise. Das Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der größten Vermögensverwalter der Welt entwickelt. Dadurch hängt der Erfolg nicht allein von Transaktionsgebühren oder Börsengängen ab, sondern zunehmend vom langfristigen Wachstum der globalen Vermögen. Steigende Aktienkurse, höhere Kundenvermögen und eine lebhafte Kapitalmarktaktivität führen unmittelbar zu steigenden Erträgen. Gleichzeitig gehört Morgan Stanley weiterhin zu den führenden Adressen für Börsengänge und Unternehmensfinanzierungen. Damit verbindet das Unternehmen zwei besonders attraktive Trends: die Wiederbelebung des IPO-Marktes und den langfristigen Vermögensaufbau an den Kapitalmärkten. Während Goldman Sachs vor allem vom Geschehen auf dem Spielfeld profitiert, verdient Morgan Stanley zusätzlich an den stetig wachsenden Zuschauertribünen.

Swiss Re – Qualität zum Abschlag

Besonders spannend erscheint jedoch ein Bereich, den viele Anleger oft übersehen: die Rückversicherer. Swiss Re verbindet hohe Kapitalstärke, attraktive Ausschüttungen und starke Eigenkapitalrenditen mit einer Bewertung, die noch immer erstaunlich moderat ausfällt. Dabei profitieren Rückversicherer von Entwicklungen, die langfristig eher zu- als abnehmen dürften:

  • Cyberrisiken
  • Naturkatastrophen
  • geopolitische Spannungen
  • technologische Risiken
  • zunehmende Komplexität globaler Lieferketten

Je unsicherer die Welt wird, desto wertvoller wird die Fähigkeit, Risiken zu übernehmen und zu bepreisen.

Munich Re – das Geschäftsmodell der Unsicherheit

Ähnlich überzeugend präsentiert sich Munich Re. Das Unternehmen verfügt über eine außergewöhnliche Marktstellung, hohe Eintrittsbarrieren und eine starke Preissetzungsmacht. Gleichzeitig steigen weltweit die Risiken, die versichert werden müssen. Während viele Geschäftsmodelle unter Unsicherheit leiden, verdient Munich Re gerade an ihrer Zunahme. In einer Welt voller geopolitischer Spannungen, Cyberangriffe, Klimarisiken und technologischer Umbrüche könnte dies zu einem strukturellen Wachstumstreiber werden.

Fazit

Die spannendsten Investments entstehen häufig dort, wo Wahrnehmung und Realität auseinanderlaufen. Bei Finanzwerten könnte genau das derzeit der Fall sein. Die Branche ist heute profitabler, stabiler und kapitalstärker als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Dennoch spiegeln viele Bewertungen weiterhin das Misstrauen der Vergangenheit wider.

Sollte die erwartete IPO-Welle tatsächlich Fahrt aufnehmen und die Kapitalmarktaktivität spürbar anziehen, könnte dies zum Auslöser einer längst überfälligen Neubewertung werden.

Während Anleger nach dem nächsten Börsenstar suchen, lohnt sich vielleicht ein Blick auf jene Unternehmen, die an jedem neuen Börsenstar verdienen.

UnternehmenKGV 2026eKBVDividendenrenditeEigenkapitalrendite (ROE)
Goldman Sachsca. 14–16ca. 1,5–1,8ca. 2,5 %ca. 13–15 %
Morgan Stanleyca. 15–17ca. 2,0–2,4ca. 3,0 %ca. 14–16 %
Swiss Reca. 9–11ca. 1,1–1,3ca. 4,5–5,5 %ca. 18–20 %
Munich Reca. 11–13ca. 2,0–2,3ca. 3,5–4,0 %ca. 18–20 %

KennzahlS&P 500Goldman SachsMorgan StanleySwiss ReMunich Re
KGVca.25–2714–1615–179–1111–13
Dividendenrenditeca. 1,3 %ca. 2,5 %ca. 3,0 %ca. 5,0 %ca. 3,8 %
Aktienrückkäufemittelhochhochhochhoch

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Volker Schilling
Volker Schilling

Volker Schilling ist Gründer und Mitglied des Vorstandes der Greiff capital management AG und Asset Manager bei Der Zukunftsfonds. Er ist regelmäßig gefragter Experte für Fernsehsender (n-tv, Bloomberg, ARD Börse) und viele andere Medien. In seiner ZASTER-Kolumne „Euro, Dollar, Schilling“ blickt er jeden Freitag auf die wichtigsten Themen des Finanzmarkts zurück.