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ZASTER AROUND THE WORLD

Auswandern: Was kostet das Leben in den USA?

von Michael André Ankermüller

Hanna Cabello Velasco arbeitete eigentlich als Werbetexterin und im Marketing. Nachdem es bei ihrem damaligen Arbeitgeber ProSiebenSat.1 Abfindungen regnete, wie sie selbst sagt, hat sie zugeschlagen und angefangen zu studieren.

Erst Lehramt, dann Nah- und Mittelost Studien. Bei letzterem Studiengang ist Hanna hängen geblieben und wollte promovieren, dann kam aber die Auswanderung dazwischen.

In den USA hat sie schlussendlich einen ganz anderen Weg eingeschlagen.

1. Warum bist Du nach Nordamerika gegangen und was hält Dich dort?

Ich bin mit meiner Familie in die USA gezogen, weil mein Mann, der als Wissenschaftler arbeitet, ein tolles Jobangebot bekommen hat. Außerdem stand Auswandern schon immer auf meiner „Bucket List“. So fiel uns die Entscheidung also nicht allzu schwer.

2. Was können die Deutschen von den Amerikanern lernen? Und möglicherweise andersherum?

Wir könnten uns eine dicke Scheibe von der allgemeinen Freundlichkeit abschneiden. Viele denken, dass Sätze wie „How are you!“ oder „Great question“ sehr oberflächlich sind, weil sie eigentlich nur Phrasen sind. Ich denke dennoch, dass es etwas über die Menschen aussagt, wenn solche Sätze zu ihrer ganz alltäglichen Kommunikation gehören. Außerdem hab ich es hier noch nie erlebt, dass Kinder wie in Deutschland als störend empfunden werden.

Kinder werden hier (gerade im traditionellen Tennessee) als Bereicherung und nicht als Anhängsel angesehen. Das gefällt mir gut und nimmt viel Druck von den Schultern der Eltern.

Den Umgang mit Technik könnten wir ebenfalls von ihnen lernen. Auch ältere Menschen benutzen hier ganz natürlich Smartphones und diverse Apps. Auf der anderen Seite allerdings leider auch kleine Kinder: Fernsehen und Tablet gehören selbst bei Babys und Kleinkindern zum Alltag.

Die Amerikaner könnten das Sparen von uns lernen, was hier kein Thema ist. Geld wird ausgegeben und manchmal, wenn es um die Kreditwürdigkeit geht, ist es sogar besser, kurzfristig mehr Schulden zu machen als weniger. Klingt paradox, ist aber so.

Auch das Thema Umweltbewusstsein steckt hier noch in den Kinderschuhen. Alles wird mit dem Auto erledigt, der Motor läuft beim Warten, damit die Klimaanlage weiterläuft...

Kleinste Mengen des Einkaufs werden in separate Tüten gepackt, die natürlich immer aus Plastik sind. Hier ist alles extra verpackt und es gibt sogar einzeln eingeschweißte Kartoffeln!

3. Welche 3 Tipps würdest du einem Deutschen geben, der auch nach Nordamerika auswandern will?

1. Hab Geduld. Bürokratie ist mitnichten ein deutsches Phänomen. Alles dauert lange, ist schwer zu verstehen und oftmals ohne Anwalt gar nicht machbar. Wir hatten zwar das Glück, dass der Arbeitgeber meines Mannes alle Anwaltskosten übernimmt, dennoch ist es ein ziemliches Gezerre.

2. Immer fragen, was es kostet. Immer. Beim Handwerker, beim Arzt, bei Bildung. Und immer versuchen zu verhandeln. Meistens ist der erste Preis ein totaler Phantasiepreis, den man oft massiv nach unten verhandeln kann.

3. Schaut euch das Land genau an, es ist unfassbar riesig und genauso divers. Zwischen den großen Städten an den Küsten und dem Landesinneren, zwischen Städten und dem Landleben, liegen Welten. Das muss aber nicht heißen, dass das eine besser oder schlechter ist. Man muss einfach wissen, worauf man sich einlässt. Ich komme aus einem sehr liberalen Umfeld und wir leben nun im Bible Belt. Das war erst mal ein Kulturschock.

4. Wie teuer ist das Leben in Nordamerika im Vergleich zu Deutschland?

Auf jeden Fall teurer!

Wir leben in Tennessee und das ist eher günstig, weil es hier z.B. keine „state tax“ gibt, die manche Staaten erheben. Angeblich sind Lebensmittel hier auch günstiger, das kann ich jedoch nicht beurteilen. Fast Food ist überall und immer verfügbar, das wesentlich günstiger ist, als selber zu kochen. Vor allem, wenn man Wert legt auf frische Zutaten. Die Preise variieren aber so stark, je nachdem wo man ist, dass es schwer ist, eine Aussage zu treffen. Für uns als Auswanderer kommen Ausgaben hinzu wie Reisen nach Deutschland, ab und zu mal ein Paket von hier nach dort und von dort zu uns, das geht natürlich ins Geld.

5. Krankenversicherung, Steuern, Rentenversicherung? Wie wird das in Nordamerika gehandhabt?

Das ist eine Frage, die man nicht in ein paar Sätzen beantworten kann. Generell würde ich sagen, dass der Arbeitgeber alles abführt. Nicht jeder Arbeitgeber bietet eine Krankenversicherung an, aber wenn doch, hat er meist einen Vertragspartner und der bietet verschiedene Modelle an, von denen man sich das aussuchen kann, das am besten passt.

Auf Deutschland übertragen würde das heißen: Ich arbeite bei Firma XY und die arbeiten mit der AOK, die bieten dir drei verschiedene Modelle an, bei denen unterschiedlich viel abgedeckt ist und die unterschiedliche Selbstbeteiligungen haben. Diese Krankenkasse nimmt man nicht mit, wenn man den Job wechselt, sondern wechselt in die Krankenkasse, mit der der neue Arbeitgeber einen Vertrag hat. Dementsprechend suchen einige Leute den Arbeitgeber auch danach aus, mit welcher Krankenkasse er zusammenarbeitet.

Wenn ich nicht arbeite, bin ich in der Regel auch nicht versichert. (Manche Menschen qualifizieren sich für Medicaid oder Medicare, das hängt vom Alter, Gesundheitszustand und Einkommen ab.)

Die Rentenversicherung läuft auch über den Arbeitgeber, ist aber so dermaßen schwer zu verstehen (Stichwort: 401K), dass ich dazu eigentlich nicht viel sagen kann. Hängt aber ebenfalls nicht an der Person, sondern an der Firma. Die Steuern werden vom Einkommen abgeführt und variieren teils massiv je nach Wohnort.

6. Welchen geheimen Spartipp hast Du für das Leben in Nordamerika entdeckt?

Eigentlich nichts, was für Deutsche wirklich geheim wäre: Selber machen und ALDI.

7. Welches Produkt ist in Nordamerika besonders teuer und welches Produkt sehr günstig?

Medizinische Versorgung ist astronomisch teuer und schwer nachvollziehbar. Hier wird immer direkt mit der Karte oder per Scheck bezahlt und man bekommt in den seltensten Fällen eine aufgeschlüsselte Rechnung. Bildung ist leider auch teuer. Unis, Nachhilfe, Privatschulen...

Fast Food hingegen ist günstig. Und Benzin natürlich – der Klassiker.

8. Hast Du einen Tipp für die Jobsuche für Einwanderer in Nordamerika?

Die größte Hürde ist sicher generell eine Arbeitserlaubnis zu erhalten. Es gibt ein paar Optionen neben der Green Card, aber alle sind schwer zu erhalten. Davon abgesehen ist es hier sehr unkompliziert. Jobs, die nicht gerade tausend Jahre Erfahrung und einen Doktortitel erfordern, findet man schnell. Man wird schnell zum Interview eingeladen und ich hatte manchmal das Gefühl, die wollen einfach nur sicherstellen, dass man nicht absolut ungeeignet ist und geben einem dann eine Chance.

Das Risiko für den Arbeitgeber ist hier geringer als in Deutschland, weil man tatsächlich von einer Minute zur anderen gefeuert werden kann. Mit den absurdesten Begründungen, oder sogar ohne jegliche Erklärung. (Andersrum kann man in der Regel jedoch auch von heute auf morgen kündigen).

Da man hier kein Alter (und kein Foto) im Lebenslauf angibt, hängen sich die Arbeitgeber auch nicht so sehr daran auf, wie alt man ist. Gerade in helfenden Berufen, Gastronomie oder Verkauf findet man Ruck-Zuck einen Job und kann quasi übermorgen anfangen. Drogen- und Background-Checks sind Standard.

9. Wie sieht dein neuer Alltag in Nordamerika aus? Was hat sich hier am meisten zum alten Leben verändert?

Ich durfte hier zuerst nicht arbeiten, weil ich nur ein O3-Visum hatte. Ich hab also beschlossen, aufs College zu gehen. Als ich endlich arbeiten durfte, habe ich eine Ausbildung bei der Feuerwehr gemacht. Das hätte ich mich in Deutschland nie getraut – und schon gar nicht in meinem Alter. Ich glaube, ich hab da etwas Vorschusslorbeeren bekommen, weil ich die einzige Frau war, die den Aufnahmetest bestanden hat und weil man den Deutschen generell gute Eigenschaften unterstellt.

Da wir nicht so genau wissen, wie lang wir hier bleiben, lebe ich so ein bisschen vor mich hin, gehe zur Arbeit, „schraube“ an meinem akademischen Fortschritt und werde langsam zum Country Girl. Ich habe Hühner, hab meinen Waffenschein gemacht, gehe angeln und lese mich gerade in die Imkerei ein.

Was sich am meisten verändert hat, ist definitiv die Fahrerei. Dauernd sitzt man im Auto. Man kann die Kinder nicht mit dem Rad in die Schule schicken oder zu Freunden in der Nachbarschaft. Das nervt brutal.

10. Welche Rolle spielt Geld in der Gesellschaft von Nordamerika? Was würdest Du sagen?

Geld ist extrem wichtig. Nicht unbedingt reich zu sein, aber welches zu haben oder zumindest ein Einkommen zu haben. Konsum ist extrem wichtig für die Menschen hier. Die geben teilweise Geld für den größten Schwachsinn aus. Das ist aber eher charmant.

Schlimm finde ich allerdings, dass gute Bildung und medizinische Versorgung extrem vom Geld abhängen. Und damit meine ich nicht kosmetische Medizin, sondern ganz banale Dinge wie Zahnfüllungen oder Insulin.

ein Artikel von
Michael André Ankermüller
Michael André Ankermüller
Michael lebt in Berlin und arbeitet als Journalist, Blogger, Autor sowie Berater für Digitale Medien. 2014 gründete er das sehr erfolgreiche Blogazine Blog.Bohème sowie Nebenseason & Kids.Bohème.

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