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ZASTER AROUND THE WORLD

Auswandern: Was kostet das Leben in England?

von Michael André Ankermüller

Julia Munder arbeitet als "International Marketing Director" für den britischen Luxus-Lederwarenhändler Maxwell-Scott. Nach ihrem Abschluss in englischer und deutscher Sprachwissenschaft startete die gebürtige Stuttgarterin ihre Karriere im Theater und TV-Journalismus. Im Jahr 2012 zog sie nach York (UK), um die Expansion von Maxwell-Scott in den deutschen Markt voranzutreiben. Während Julia für alle internationalen Marketingstrategien des Onlinehändlers verantwortlich war, erhielt sie ein Stipendium für das Studium der Internationalen Kommunikation an der University of Leeds.

In ihrer derzeitigen Position bei Maxwell-Scott ist Julia die treibende Kraft hinter der Vision der Marke, weltweit zum beliebtesten britischen Luxus-Lederwarenhersteller zu werden. ZASTER-Autor Michael André Ankermüller hat sich mit Julia über ihre Auswanderung nach England ausgetauscht.

1. Warum bist Du nach England gegangen und was hält Dich dort?

Ich bin nach dem Bachelor Studium in Englisch, Deutsch und Kulturwissenschaften für meine erste Stelle als "German-speaking Marketing Assistant" nach York in England gezogen. Ich kannte die Stadt durch mein Auslandssemester, als ich dort für die Ambassador Theatre Group arbeitete und hatte Lust auf ein weiteres Jahr Abenteuer. Außerdem fiel ich nach meinem Bachelor genau in die Jahre der “Generation Praktikum” und musste aus dieser Falle irgendwie raus.

Nach 12 Monaten erhielt ich durch meine Arbeitsstelle die Möglichkeit meinen Master in "Intercultural Communications" mit einem Stipendium an der University of Leeds zu absolvieren. Diese Chance konnte ich nicht ausschlagen und so wurden es drei Jahre statt einem Jahr in England.

Mit der Zeit habe ich mir einen engen Freundeskreis aufgebaut, viele spannende Karrierechancen erhalten und ich habe meinen jetzigen Ehemann kennengelernt. Als Deutsche in England bieten sich immer noch viele spannende Karriereoptionen und ich könnte mir zum momentanen Zeitpunkt vor allem aus beruflicher Hinsicht ein Leben in Deutschland nicht mehr vorstellen. Familie und gute Freunde vermisst man natürlich immer, besonders wenn das Reisen mit Covid-19 nicht mehr so einfach möglich ist. Auch das Heimweh hört nie so richtig auf.

2. Was können die Deutschen von den Engländern lernen? Und möglicherweise andersherum?

Weniger Bürokratie könnten die Deutschen definitiv von den Engländern übernehmen. Hier gibt es einen gesunden Pragmatismus, der ohne überflüssige Bürokratie einfach am besten funktioniert. Auch über sich selber zu lachen und gewisse Dinge nicht so ernst zu nehmen, könnten wir von den Engländern lernen. Im Hinblick auf die Digitalisierung sind uns die Engländer ebenfalls einen Schritt voraus.

Im Gegensatz zur deutschen Disziplin und Pünktlichkeit: Die fehlt mir bei den Engländern oftmals! Ich bin in dieser Hinsicht eher sehr "deutsch" - habe für jede Situation immer einen Plan B… und C parat. Der Umgang mit Geld ist hier auch ein ganz anderer. Viele Menschen leben über ihre Verhältnisse und auf Kredit. Hier könnten die Engländer definitiv von den Deutschen lernen.

3. Welche 3 Tipps würdest du einem Deutschen geben, der auch nach England auswandern will?

Nicht ohne Plan auswandern. Ich bewundere Menschen, die einfach mal auswandern und dann im Land Fuß fassen. Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus ist das in England jedoch nicht ganz so einfach. Der Arbeits- und Wohnungsmarkt ist sehr überflutet, daher würde ich empfehlen, sich vorher darüber Gedanken zu machen, wie man sich ein Leben in England vorstellt und dementsprechend handeln.

Umgehend ein Bankkonto eröffnen und eine Steuerkarte und Sozialversicherungsnummer beim lokalen Jobcenter beantragen. Dies ist nur möglich, wenn ihr einen Job und Wohnsitz habt - daher Punkt 1. Die Sozialversicherungsnummer dient hier auch als Zugang zur gesetzlichen Krankenversicherung und ist somit ein absolutes Muss.

Das Englisch mit einem Sprachkurs nochmals verbessern. Viele Deutsche sprechen Englisch und die Engländer sind auch im Allgemeinen sehr verständnisvoll, wenn man die Sprache weniger gut spricht. Allerdings erleichtert es das Leben sehr, wenn man fließend Englisch spricht – gerade bei Amts- und Arztbesuchen.

4. Wie teuer ist das Leben in England im Vergleich zu Deutschland?

Die Lebenskosten sind vergleichbar mit deutschen Großstädten wie z.B. München oder Hamburg. Lebensmittel und Drogerieartikel sind teurer, dafür sind aber gerade vegane und gesunde Lebensmittel etwas günstiger. Essen gehen und Ausgehen ist definitiv teurer als in Deutschland. Jedoch stimmt bei den meisten Lokalitäten das Preis-Leistungs-Verhältnis. Foodies kommen hier definitiv auf ihre kulinarischen Kosten.

Die Mietpreise sind vor allem in London und im Süden von England sehr hoch. So hoch, dass es für viele Engländer das oberste Ziel ist, sobald wie möglich Eigentum zu kaufen. Es ist günstiger, ein Haus zu kaufen und den Langzeitkredit zu bedienen als die Miete zu bezahlen. Je nach Situation und Länge des Aufenthalts ist es also ratsam, sich über eine Investition in eine Immobilie zu informieren.

5. Krankenversicherung, Steuern, Rentenversicherung? Wie wird das in England gehandhabt?

Krankenversicherung: Mit einer Sozialversicherungsnummer hat man automatisch Anspruch auf den National Health Service (NHS). Dieser ist vergleichbar mit der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland, allerdings kostenlos (bis auf IGEL Leistungen). Auch wenn man viele Horrorstories über die NHS hört, ist das Gesundheitssystem in England sehr gut und hat einen hohen Standard. Da der Krankenversicherungsbeitrag in den Sozialabgaben eingeschlossen ist, schließen viele Engländer und Expats noch private Zusatzversicherungen ab.

Steuern: In den Steuern sind die National Insurance (Rente und Krankenversicherung) und die Einkommensteuer beinhaltet. Diese belaufen sich zusammen auf einen Steuersatz von zirka 20 Prozent, der jedoch abhängig vom jeweiligen Einkommen ist, aber in der Regel deutlich geringer als in Deutschland ist.

Rente: Die gesetzliche Rente deckt in England nur zirka 15 Prozent des Bruttoeinkommens ab. Daher würde ich unbedingt empfehlen, sich um eine zusätzliche Betriebsrente oder private Rentenversicherung zu kümmern. Ein weiterer Tipp sind alle Payslips aus England aufzuheben. England und Deutschland haben ein Sozialversicherungsabkommen. Somit werden Rentenansprüche in beiden Ländern anerkannt.

6. Welchen geheimen Spartipp hast Du für das Leben in England entdeckt?

Lokal kaufen! Die großen Supermärkte haben gerade bei Fleisch und Gemüse oftmals überzogene Preise. Drogerieartikel erhält man in den sogenannten Pound Shops (1€-Laden) günstiger. Bei einem längeren Aufenthalt sollte man über eine Investition in eine Immobilie nachdenken oder sich zumindest auf alle Fälle beraten lassen.


7. Welches Produkt ist in England besonders teuer und welches Produkt sehr günstig?

Drogerieartikel wie Shampoo können schnell bis zu 10 Pfund kosten. Auch Zahnpasta ist mit einem Preis zwischen 3-5 Pfund (Colgate) viel teurer als in Deutschland. Paracetamol und Ibuprofen gibt es hier hingegen schon für 20 Pence in Apotheken und Supermärkten.

8. Hast Du einen Tipp für die Jobsuche für Einwanderer in England?

Die Suche am besten auf Plattformen wie LinkedIn oder Indeed starten und sich auf Jobs bewerben, bei denen eine Fremdsprache als Muss oder Plus genannt wird. Die meisten Engländer sprechen keine Fremdsprache, somit hat man bei der Bewerbung gute Chancen.

9. Wie sieht dein neuer Alltag in England aus? Was hat sich hier am meisten zum alten Leben verändert?

Der Alltag im Allgemeinen ist gar nicht so anders. Ich würde sagen, dass ich durch das Leben alleine im Ausland jedoch etwas mutiger und selbstbewusster geworden bin. Ich habe öfters “Ja” gesagt, wo ich früher viel zu viel überlegt hätte und bin mehr Herausforderungen eingegangen, auch wenn ich nicht immer zu 100 Prozent sicher war, ob das alles so klappt.

10. Welche Rolle spielt Geld in der Gesellschaft in England? Was würdest Du sagen?

Ich würde sagen, dass es in England definitiv noch ein Klassensystem (Upper, Middle, Working class) gibt und sich Geld entsprechend verteilt. Wie in vielen Gesellschaften wird die Schere zwischen Reich und Arm leider immer größer.

ein Artikel von
Michael André Ankermüller
Michael André Ankermüller
Michael lebt in Berlin und arbeitet als Journalist, Blogger, Autor sowie Berater für Digitale Medien. 2014 gründete er das sehr erfolgreiche Blogazine Blog.Bohème sowie Nebenseason & Kids.Bohème.

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