Zurück in die Zukunft
„Die Vergangenheit holt uns ein.“ Am 21. Oktober 2015 landeten Marty McFly und Doc Brown mit ihrem DeLorean in der Zukunft. Zumindest im Kino. Vorgestern jährte sich dieser denkwürdige Tag zum elften Mal. Für mich ist „Zurück in die Zukunft“ ohnehin mehr als eine Filmtrilogie. Michael J. Fox hat mich schon als Alex P. Keaton in „Familienbande“ begeistert. Und wer hätte nicht gerne einen Fluxkompensator, um gelegentlich einen Blick auf die Börsenkurse von morgen zu werfen? Ausgerechnet diese Woche bietet dafür gleich zwei historische Reiseziele. Am 19. Oktober 1987 verlor der Dow Jones an einem einzigen Tag 22,6 Prozent. Und morgen jährt sich der Schwarze Donnerstag von 1929 zum 97. Mal. Zwei Crashs, zwei Generationen, eine Erkenntnis: An der Börse ändert sich die Technik schneller als die menschliche Psyche. Gier und Angst brauchen keinen Fluxkompensator. Sie sind zeitlos. Während wir über die Zukunft spekulieren, meldet sich die Vergangenheit aus Frankreich zurück. Zehnjährige Staatsanleihen rentierten diese Woche wieder mit rund fünf Prozent. Bei einer Staatsverschuldung von etwa 119 Prozent des BIP ist das keine nostalgische Erinnerung, sondern eine teure Gegenwart. Frankreich reist finanziell rückwärts, während die Zinsrechnung vorwärtsläuft. Paris sollte sich weniger Gedanken über die nächste Regierung als über die nächste Refinanzierung machen. Mehr dazu in meinem Interview für die Tagesschau diese Woche: Update Wirtschaft.
Zurück in die Zukunft II
„Wo wir hinfahren, brauchen wir keine Straßen.“ Diesen Satz sagte Doc Brown bereits 1985. Elon Musk scheint ihn endlich ernst zu nehmen. Vergangene Woche präsentierte Tesla einen Roadster, der mithilfe von SpaceX-Technologie vom Boden abhob. Noch kein fliegendes Serienauto, aber immerhin ein Fahrzeug, das sich nicht länger mit der Straßenverkehrsordnung zufriedengeben möchte. Und weil Musk offenbar nicht nur Autos, sondern auch Unternehmensgrenzen überwinden will, wird inzwischen über eine Fusion von Tesla und SpaceX diskutiert. Ein möglicher Gigant mit einem kombinierten Wert von rund 3,5 Billionen Dollar. Raketen, Roboter, künstliche Intelligenz und Automobile unter einem Dach. Was nach Science-Fiction klingt, könnte eines Tages eine Bilanz werden. Apropos Bilanz: Der KI-Entwickler Anthropic meldete für das erste Halbjahr einen Verlust von unglaublichen 80,7 Milliarden Dollar. Rund 72 Milliarden davon entstanden allerdings durch die Neubewertung wandelbarer Finanzinstrumente. Das Unternehmen wird wertvoller und schreibt deshalb einen höheren bilanziellen Verlust. Das muss man erst einmal schaffen! Gleichzeitig plant Meta allein 2026 Investitionen von 135 bis 145 Milliarden Dollar. Die Zukunft wird also nicht nur schneller, sondern vor allem teurer. Doc Brown benötigte für seine Zeitmaschine 1,21 Gigawatt. Die KI-Konzerne brauchen inzwischen ganze Kraftwerksparks. Und Anleger benötigen Vertrauen, dass aus gigantischen Investitionen irgendwann ebenso gigantische Gewinne werden. Denn fliegen können Bewertungen bekanntlich auch ohne SpaceX-Triebwerke. Nur die Landung ist nicht immer ganz so elegant.
Zurück in die Zukunft III
„Die Zukunft ist noch nicht geschrieben.“ Im dritten Teil verschlägt es Marty McFly ins Jahr 1885, mitten in den Wilden Westen. Goldgräber, Eisenbahnen und große Träume. Eigentlich gar nicht so weit entfernt vom heutigen KI-Goldrausch. Nur werden statt Schienen Rechenzentren gebaut und statt Gold werden Chips geschürft. Auch Deutschland möchte wieder mitspielen. Beim „Invest in Germany“-Gipfel präsentierte Bundeskanzler Merz Investitionszusagen von rund 230 Milliarden Euro, darunter bereits früher angekündigte Projekte. Amazon plant allein für 2027 rund 16 Milliarden Euro, Nvidia will bei industrieller KI helfen. Deutschland möchte zurück an die technologische Weltspitze. Dafür müsste es allerdings endlich vorwärtskommen. Denn während amerikanische Unternehmen Raketen starten, starten wir gerne erst einmal ein Genehmigungsverfahren. Immerhin, der Fluxkompensator scheint wieder angeschlossen. Ob daraus tatsächlich mehr Wachstum entsteht, entscheidet sich nicht auf Gipfelfotos, sondern in Fabriken, Forschungslaboren und Rechenzentren. Heute vor genau 25 Jahren stellte Steve Jobs den ersten iPod vor. 1.000 Songs in der Hosentasche, fünf Gigabyte Speicher, 399 Dollar. Eine Revolution, die nicht auf einem Investitionsgipfel beschlossen wurde. Apple erfand weder die Musik noch den MP3-Player, verstand aber besser als andere, wie man daraus ein Geschäftsmodell macht. Vielleicht liegt genau hier die entscheidende Frage des KI-Booms: Werden die großen Gewinner diejenigen sein, die heute die Schaufeln verkaufen, also Chips, Server und Rechenzentren? Oder jene, die morgen damit etwas erschaffen, das wir uns heute noch gar nicht vorstellen können? Biff Tannen hätte diese Frage vermutlich leicht beantworten können. Schließlich besaß er einen Sportalmanach mit sämtlichen Ergebnissen der Zukunft und machte daraus ein Vermögen. An der Börse wäre er damit wohl der erfolgreichste Spekulant aller Zeiten geworden. Aber mein Held bleibt Marty McFly. Denn während Biff die Zukunft ausnutzen wollte, versuchte Marty, sie zu verändern. Und vielleicht ist das auch der entscheidende Unterschied zwischen Spekulation und Investition. Die Zukunft lässt sich nicht aus einem Almanach ablesen. Aber man kann sich an ihr beteiligen. Ganz ohne DeLorean. Machen Sie doch einfach mit.
Ihr Volker Schilling