KI-Aktien

KI-Aktien unter Druck: Warnsignal oder Kaufchance?

von ZASTER Redaktion

KI-Aktien wie Nvidia und AMD haben in den vergangenen Monaten deutlich an Wert gewonnen. Zuletzt kam es jedoch bei einigen Unternehmen der Branche zu Kursrückgängen. Sind diese ein Warnsignal für den KI-Boom oder vor allem das Ergebnis von Gewinnmitnahmen? Serge Nussbaumer, Head of Public Solutions und Kapitalmarktexperte bei Maverix, ordnet in seinem Kommentar die jüngsten Kursbewegungen ein und erläutert, welche Chancen und Risiken sich für Anleger ergeben.

Die jüngsten Kursrückgänge bei KI-Aktien scheinen weniger Ausdruck einer Vertrauenskrise als vielmehr das Ergebnis von Gewinnmitnahmen nach den außergewöhnlichen Kursgewinnen der vergangenen Monate zu sein. Wer frühzeitig in Nvidia, AMD oder andere Profiteure des KI-Investitionszyklus investiert hat, konnte erhebliche Gewinne erzielen. Für Portfoliomanager stellt sich deshalb weniger die Frage, ob diese Unternehmen weiter wachsen, sondern wie viel zusätzliches Risiko sie nach einer solchen Kursentwicklung noch eingehen wollen.

Aktuelle Marktbeobachtungen deuten darauf hin, dass wir möglicherweise bereits eine Art vorgezogenes Window-Dressing (die gezielte Anpassung eines Portfolios vor einem Berichtsstichtag, um es nach außen vorteilhafter darzustellen) bzw. Jahresend-Rebalancing erleben. Institutionelle Investoren scheinen ihre gute Jahresperformance absichern und hohe Einzelpositionen reduzieren zu wollen. Das frei werdende Kapital kann vorübergehend im USD-Geldmarkt zu Renditen in der Größenordnung von 3 % bis 4 % angelegt werden. Damit besteht kein unmittelbarer Druck, Gewinne sofort wieder in Aktien zu investieren. An der Börse wird schließlich häufig nicht das verkauft, was fundamental schlecht ist, sondern das, womit zuvor besonders viel verdient wurde.

Der KI-Boom wird selektiver

Gleichzeitig beginnt der Markt, stärker zwischen den Gewinnern des KI-Investitionszyklus und jenen Unternehmen zu unterscheiden, die ihr Wachstum mit erheblichem Fremdkapital finanzieren. Die jüngsten Kursbewegungen bei CoreWeave, Oracle und verschiedenen Anbietern von Serverinfrastruktur verdeutlichen diese Entwicklung. Der Ausbau von KI-Rechenzentren verschlingt enorme Summen. Steigende Finanzierungskosten und Zweifel an der künftigen Auslastung treffen deshalb besonders Unternehmen mit hoher Verschuldung. Konzerne mit starken Cashflows und soliden Bilanzen sind dagegen deutlich weniger abhängig von den Kapitalmärkten.

Innerhalb der KI-Wertschöpfungskette entsteht dadurch eine interessante Asymmetrie. Während Nvidia bereits heute hohe Umsätze mit dem Verkauf leistungsfähiger KI-Chips erzielt, müssen die Betreiber der Rechenzentren erst noch beweisen, dass sich ihre Investitionen langfristig rechnen. Der Markt hinterfragt zunehmend, wer tatsächlich am KI-Boom verdient und wer zunächst erhebliche finanzielle Risiken eingehen muss.

Hohe Erwartungen, schnelle Gegenbewegungen

Bei Nvidia und AMD kommt hinzu, dass hervorragende Geschäftszahlen längst keine Überraschung mehr sind. Die Erwartungen sind hoch und viel zukünftiges Wachstum ist bereits eingepreist. Selbst starke Quartalsergebnisse können deshalb Kursverluste auslösen, wenn sie die Markterwartungen nicht ausreichend übertreffen. Gewinnmitnahmen und systematische Handelsstrategien können solche Bewegungen zusätzlich verstärken.

Umgekehrt erklärt dies auch, weshalb sich die Kurse nach deutlichen Rücksetzern teilweise innerhalb weniger Wochen wieder kräftig erholen. Wenn die Verkäufe vor allem durch Portfolioanpassungen ausgelöst werden, bleiben die fundamentalen Wachstumsperspektiven zunächst unverändert. Sinkende Bewertungen treffen dann auf weiterhin intakte Gewinnerwartungen. Sobald der Verkaufsdruck nachlässt, nutzen neue Käufer die tieferen Kurse, während bestehende Investoren ihre Positionen wieder aufstocken.

Nicht jeder Kursrückgang ist eine Kaufchance

Allerdings ist nicht jeder Rücksetzer automatisch eine Kaufgelegenheit. Die enormen Investitionen in die KI-Infrastruktur müssen langfristig entsprechende Renditen erwirtschaften. Steigende Kapitalkosten, eine schwächere Auslastung der Rechenzentren oder enttäuschende Kapitalrenditen könnten den Investitionszyklus jedoch nachhaltig belasten. Für die Halbleiterindustrie wäre dies ein wesentlich fundamentaleres Risiko als kurzfristige Gewinnmitnahmen.

Aus meiner Sicht gilt es deshalb, zwischen einer Bereinigung überfüllter Positionen und einer tatsächlichen Verschlechterung der Geschäftsperspektiven zu unterscheiden. Solange die Gewinnschätzungen weiter steigen und der KI-Investitionszyklus intakt bleibt, können deutliche Rücksetzer attraktive Einstiegsmöglichkeiten eröffnen. Bei stark fremdfinanzierten Geschäftsmodellen ist dagegen größere Vorsicht angebracht.

Der KI-Boom muss nicht an Dynamik verlieren, aber der Markt wird anspruchsvoller. Künftig dürfte weniger die überzeugendste KI-Geschichte zählen als die Fähigkeit, daraus nachhaltig Gewinne und freien Cashflow zu erwirtschaften.

 

Hinweis: Dies ist keine Anlageberatung. Bitte informiert euch vor einer Geldanlage über die Risiken und beachtet unsere Hinweise hier.

Dieser Beitrag ist ein Gastkommentar von Serge Nussbaumer, Head of Public Solutions und Kapitalmarktexperte bei Maverix.

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