Regeln statt Bauchgefühl
Prognosen gehören zum Kapitalmarkt dazu. Doch gerade wenn man sie am dringendsten braucht, können sich die Rahmenbedingungen binnen kürzester Zeit ändern. Der Fonds versucht deshalb nicht vorherzusagen, was die Märkte tun werden, sondern reagiert systematisch darauf, was sie tatsächlich tun. Die Steuerung des Portfolios ist vollständig quantitativ und regelgebunden. Diskretionäre, also nach eigenem Ermessen getroffene Kapitalmarktprognosen spielen bei taktischen Entscheidungen keine Rolle.
Dabei kombiniert der Fonds nicht nur verschiedene Anlageklassen, sondern auch verschiedene Handelsstrategien: Elf davon arbeiten weitgehend unabhängig voneinander, hinzu kommt ein flexibles Währungsmanagement. Die Modelle sind keine selbst entwickelten „Black Boxes“, sondern greifen auf in der Finanzwissenschaft beschriebene und getestete Strategien zurück. Die Analysten halten diese zusätzliche Streuung über verschiedene Entscheidungsmechanismen für sinnvoll: In Krisen können vermeintlich stabile Korrelationen zwischen Anlageklassen plötzlich zusammenbrechen. Mehrere unterschiedlich arbeitende Modelle sollen die Abhängigkeit von einem einzelnen Marktregime verringern.
Flexibel statt starr
Eine klassische Einzeltitelauswahl gibt es nicht. Umgesetzt werden die Signale überwiegend über ETFs und andere börsengehandelte Produkte, bei Bedarf auch über Futures.
Wie flexibel das in der Praxis ist, zeigt der Stand vom 1. September 2026: Die Aktienquote lag bei lediglich 22,5 Prozent, erlaubt wären maximal 40 Prozent. Dazu kamen unter anderem 10,3 Prozent Unternehmensanleihen, 7,1 Prozent Staatsanleihen, 8,8 Prozent Rohstoffe, 5,6 Prozent Gold und 10,6 Prozent Volatilitätsstrategien. Rund ein Fünftel (19,5 Prozent) entfiel auf eine Long-/Short-Strategie, die nicht die Richtung des Aktienmarktes prognostizieren, sondern die relative Entwicklung kleiner gegenüber großen Unternehmen nutzen soll. Mit einem gewöhnlichen 60/40-Portfolio hat der Fonds damit wenig gemein.
Defensiv, aber nicht ohne Rendite
Seit der Auflage am 28. März 2018 erzielte die A-Tranche bis Ende August 2026 einen Wertzuwachs von 33,74 Prozent. Über fünf Jahre waren es 21,55 Prozent, über drei Jahre 25,20 Prozent, über die vergangenen zwölf Monate 11,42 Prozent. 2025 legte der Fonds um 9,29 Prozent zu, in den ersten acht Monaten 2026 um weitere 6,27 Prozent.
Die Rendite ist allerdings nur die halbe Geschichte: Für einen defensiv ausgerichteten Fonds ist noch entscheidender, mit welchem Risiko sie erzielt wurde. Die Schwankungsbreite (Volatilität) lag seit Auflage bei 6,02 Prozent pro Jahr. Der maximale zwischenzeitliche Verlust betrug 9,87 Prozent, trotz Corona-Crash, des schwierigen Börsenjahres 2022 und erheblicher Veränderungen im Zinsumfeld. Das Konzept soll verhindern, dass Anleger nach größeren Verlusten zunächst jahrelang brauchen, um wieder auf ihren Ausgangswert zu kommen.
2022 gerieten Aktien und Anleihen gleichzeitig erheblich unter Druck, sodass klassische Mischfonds einen ihrer wichtigsten Diversifikationseffekte (Risikostreuung) verloren. Der Vivace-Fonds verlor in diesem Jahr 6,94 Prozent. In der Citywire-Kategorie „Mischfonds – Defensiv EUR“ belegte er per Ende Juni 2026 über fünf Jahre beim Gesamtertrag Rang 18 von 314, beim maximalen Verlust Rang 32.
Wo der Ansatz Schwächen hat
Schwierig sind trendlose Seitwärtsphasen und abrupte Richtungswechsel unmittelbar nach stabilen Trends. Dann können die Momentum- und Trendmodelle zunächst falsch positioniert sein und ihre Signale erst mit Verzögerung ändern. Hinzu kommen laut Fondsmanagement die üblichen Risiken etwa aus Fremdwährungen und Derivaten. Auch ein regelbasierter Ansatz kann zeitweise Verluste und längere Schwächephasen durchlaufen.
Infobox: Vivace Multi-Strategy I A
•WKN: A2H89T
•Aufgelegt: 28. März 2018
•Fondsvolumen: 15,62 Mio. Euro
•Strategie: elf Handelsstrategien plus flexibles Währungsmanagement, vollständig quantitativ und regelgebunden
•Aktienquote: maximal 40 Prozent (1. September 2026: 22,5 Prozent)
•Wertzuwachs seit Auflage: 33,74 Prozent (bis Ende August 2026)
•Maximaler zwischenzeitlicher Verlust seit Auflage: 9,87 Prozent
•Schwankungsbreite (Volatilität) seit Auflage: 6,02 Prozent pro Jahr
•Einordnung der Analysten: eher im konservativen beziehungsweise defensiven bis ausgewogenen Mischfondssegment als bei den klassischen flexiblen globalen Mischfonds
•Neu seit 17. August 2026: ausschüttende Anteilklasse (WKN A42001), die, soweit regulatorisch zulässig, jährlich 2,5 Prozent des Nettoinventarwertes ausschütten soll