Geh mal Öl holen
Malle ist nur einmal im Jahr – an der Börse ist derzeit allerdings jeden Tag Ballermann. Die Stimmung ist aufgeheizt, Trump dreht die Musik immer lauter und irgendjemand bestellt ständig die nächste Runde Öl. Brent schoss gestern auf 108 Dollar, mehr als sechs Prozent höher an nur einem Tag. „Geh mal Öl holen“ scheint derzeit das Motto an den Rohstoffmärkten zu sein. Nur kommt die nächste Runde nicht aus dem Bierkönig, sondern aus der Straße von Hormus. Das geht ab: Tanker werden angegriffen, Verkehrswege eingeschränkt, saudische Energieanlagen bedroht und Donald Trump kündigt an, dass der Krieg mit Iran noch länger dauern könnte. Der Ölmarkt dreht auf Mama Laudaaa. Dazu passend feiert die OPEC nach dem Motto Die Party sind wir ihren 66. Geburtstag. Andere bekommen zum Geburtstag eine Flasche, die OPEC bekommt das ganze Fass. Für Energieaktien heißt es deshalb derzeit eher Cordula Grün, während der Rest des Kurszettels zunehmend rotsieht. Und wer jetzt „Schatzi, schenk mir ein Foto“ ruft, der wünscht sich einfach den Brent-Chart seit Anfang August als Depotausdruck: Rund 25 Prozent plus. Da braucht es keinen Filter. Der Ölpreis ist momentan so Dicht im Flieger, dass er sich als König von Mallorca fühlt.
Der Zins, der Zins, der Zins hat keine Bremse
Was am Ballermann der Alkohol ist, ist an der Börse die Inflation: Irgendwann steigt sie einem zu Kopf. Öl über 100 Dollar trifft auf einen US-Arbeitsmarkt, der im August statt erwarteter 56.000 gleich 162.000 neue Stellen geschaffen hat. Der Markt wollte eigentlich Zinssenkungen feiern, inzwischen bestellt er wieder Zinserhöhungen. Ich schwanke noch dürfte derzeit deshalb das Lieblingslied der Börse sein. Die Fed schwankt allerdings immer weniger. Nach den jüngsten Erzeugerpreisen taxiert der Markt die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung kommende Woche inzwischen auf rund 70 Prozent. Und gestern hat die EZB-Layla in Frankfurt schon einmal vorgemacht, wie das geht: Die EZB erhöhte den Einlagensatz von 2,25 auf 2,50 Prozent. Da hat Das rote FED sich einfach umgedreht, könnte schon nächste Woche die amerikanische Coverversion heißen. Am Bondmarkt läuft derweil längst Der Zins, der Zins, der Zins hat keine Bremse. Die zehnjährige US-Rendite erreichte 4,9 Prozent, deutsche Bundesanleihen zeitweise das höchste Renditeniveau seit 2011. Öl liefert die Inflation, die Notenbanken schenken nach und der Anleihemarkt bringt die Rechnung. Wer jetzt noch Johnny Däpp für einen Partygast hält, sollte einmal ein hoch verschuldetes Unternehmen fragen, wem sie gerne Inselverbot erteilen würden.
Ich hab ´nen Gewinn in meiner Bauchtasche Ich hab ’nen Gewinn in meiner Bauchtasche. Und einen KI-Hunger, wenn ich nicht aufpasse, frisst dem Gewinn aus meiner Bauchtasche seinen Cashflow weg. Willkommen bei der vermutlich teuersten Mallorca-Party aller Zeiten. Amazon kann im Rahmen seiner neuen Vereinbarung mit Qualcomm bis zu 60 Milliarden Dollar für KI-Rechenzentrumschips und verwandte Produkte ausgeben. Google investiert Milliarden in neue KI-Infrastruktur und sichert sich gleich langfristig den Strom dazu. Meta lässt autonome KI-Agenten arbeiten. Auf Malle würde man sagen: Mach voll. Im Silicon Valley heißt das Party, Palmen und Cash Cash. Besonders schön passt dazu ein Geburtstag an diesem Wochenende. Morgen vor 68 Jahren präsentierte Jack Kilby den ersten integrierten Schaltkreis. Das Ding war ungefähr so groß wie ein halber Bierdeckel. Heute würde vermutlich ein ganzer Bierdeckel nicht mehr ausreichen, um die Rechnung für die KI-Industrie darauf zu schreiben. Vom Mikrochip zur Makrorechnung in 68 Jahren. Und genau da wird unsere Ballermann-Woche plötzlich ziemlich ernst. Denn die Techkaonzerne veranstalten den größten Investitionsboom ihrer Geschichte ausgerechnet in dem Moment, in dem Kapital wieder richtig Geld kostet. Staaten brauchen Billionen, Hyperscaler Milliarden und der Anleihemarkt verlangt dafür immer höhere Eintrittspreise. Noch läuft die KI-Party, die Gewinne sind gewaltig und die Tanzfläche voll. Aber Ich schwanke noch, ob wirklich jeder, der heute Rechenzentren baut, morgen auch genügend Rendite damit verdient. Denn eines gilt in Palma genauso wie an der Wall Street: Irgendwann geht das Licht an. Die Musik verstummt und man sieht die Schnapsleichen am Boden. Doch noch gilt: Eine Woche wach, denn Malle ist nur einmal im Jahr.
Ihr Volker Schilling