Berufliche Wahrheiten

Warum wir am besten bezahlt werden für das, was uns am leichtesten fällt

von Jenna van Hauten

„Ohne Fleiß kein Preis.“ Genau das habe ich in meiner Karriere immer wieder gehört. Wer beruflich vorankommen will, muss engagiert sein – da gehören Überstunden schon dazu. Und in der schulischen und universitären Ausbildung hat sich genau das für viele bewahrheitet: Wer viel lernt, bekommt gute Noten.

Gleichzeitig kennen wir alle auch das Gefühl, im Flow zu sein. Dass es manche Aufgaben und Projekte gibt, bei denen wir in einem Bruchteil der Zeit ein Vielfaches schaffen. Wo wir uns morgens bereits auf den Tag freuen und abends mit Stolz und Erfüllung in den Feierabend gehen. Was, wenn wir eigentlich am erfolgreichsten sein können, mit dem, was uns gleichzeitig am leichtesten fällt?

Produktivität hat erstaunlich wenig damit zu tun, wie viel Zeit wir in eine Aufgabe stecken – und noch weniger damit, wie anstrengend sie sich angefühlt hat. Abends ausgelaugt und k. o. zu sein, kann dadurch entstehen, dass wir zu viel zu tun hatten. Aber genauso dadurch, dass wir zu wenig zu tun hatten, das Falsche getan haben – oder das Richtige unter den falschen Bedingungen.

Wir haben gelernt, Anstrengung mit Leistung zu verbinden. Wer hart arbeitet, leistet viel. Wer erschöpft ist, muss besonders produktiv gewesen sein. Doch auf dem Arbeitsmarkt werden wir nicht dafür bezahlt, wie anstrengend sich unsere Arbeit für uns angefühlt hat. Entscheidend ist, welchen Wert unsere Arbeit schafft.

Was also macht unsere Arbeit wertvoll – und Menschen erfolgreich?

Ich denke dabei an eine Situation mit meiner damaligen Führungskraft. Wir hatten Jahresgespräch. Wir saßen uns in einem winzigen Besprechungsraum über Eck gegenüber, als er einen Satz sagte, der mich in dem Moment völlig überraschte. Ein Satz, der für mich bis heute eine der wichtigsten Lektionen über beruflichen Erfolg enthält.

Er sagte zu mir: „Jenna, weißt du, was ich an dir besonders schätze? Das ist deine positive Art, auf Menschen einzugehen.“

„Schön“, dachte ich damals. „Ich arbeite hier als Datenanalystin. Ich bin also nett. Aber was hat das mit meinem Job zu tun? Bezahlt werde ich ja für mein Fachwissen.“

Mir war nicht bewusst, wie viel Mehrwert es für Projekte schafft, wenn Konflikte schneller geklärt werden, Stakeholder sich gut abgeholt fühlen und es dadurch schneller vorangeht. Fachwissen alleine macht nicht erfolgreich. Denn es ist nicht nur entscheidend, was jemand arbeitet, sondern auch, wie jemand arbeitet. Diese scheinbar nebensächlichen Kompetenzen sind uns nur häufig nicht bewusst – weder als Arbeitnehmer noch als Führungskraft oder Arbeitgeber.

Und genau darin liegt das Problem mit unseren größten Stärken: Für uns selbst fühlen sie sich häufig gar nicht besonders an. Wenn jemand sagt: „Wahnsinn, wie du das gerade gelöst hast“, lautet die Antwort häufig: „Das war doch nichts besonderes. Das war doch selbstverständlich.“ Was uns leicht fällt, halten wir für selbstverständlich. Und was selbstverständlich ist, erscheint uns nicht besonders wertvoll.

Doch das Gegenteil ist der Fall. Das sind Eigenschaften, die in der Persönlichkeit angelegt sind und sich daher leicht und selbstverständlich anfühlen, während man darin gleichzeitig richtig gut ist. Ich nenne das die “Zone of Genius”.

Arbeiten in der Zone of Genius

Je mehr dieser persönlichen Stärken wir in unserer Arbeit einbringen können, desto leichter, erfolgreicher und erfüllender empfinden wir unsere Arbeit. Natürlich braucht beruflicher Erfolg auch Fleiß, Verantwortungsbewusstsein und Disziplin. Wer sich aber beruflich weiterentwickeln möchte – sei es finanziell, durch den nächsten Karriereschritt oder mit dem Wunsch nach mehr Freude und Erfüllung bei der Arbeit –, sollte genau hier ansetzen. 

Ist jemand besonders gut darin, Menschen mitzunehmen und unterschiedliche Interessen zusammenzubringen? Oder darin, stringent ein Ziel zu verfolgen und auch bei Widerstand dranzubleiben? Arbeitet jemand strukturiert und planvoll? Oder kann sich jemand besonders schnell auf Veränderungen einstellen und Lösungen finden, wenn der ursprüngliche Plan nicht mehr funktioniert? Das, was für den einen ein Kraftakt ist, passiert beim anderen ganz intuitiv – und möglicherweise noch in höherer Qualität und kürzerer Zeit.

Im Arbeitsleben schauen wir trotzdem häufig zuerst auf Fachwissen, Berufserfahrung und die Aufgaben, die jemand bereits erledigt hat. Viel weniger sichtbar ist die Art und Weise, wie jemand diese Aufgaben erledigt.

Entscheidend ist die Passung: Wo wird genau das gebraucht, was einem Menschen besonders leicht fällt und worin er deshalb besonders gut sein kann? Und wie kann man das im eigenen Arbeitsalltag mehr einbringen?

Dabei sind bestimmte Eigenschaften oder Fähigkeiten nicht grundsätzlich besser zu bewerten. Denn dieselbe Eigenschaft kann in einem Kontext ausgesprochen wertvoll und in einem anderen eher hinderlich sein. Ein Mensch, der ausgesprochen strukturiert, sorgfältig und planvoll arbeitet, kann in einem komplexen langfristigen Projekt enorm wertvoll sein. In einer Situation, in der sich die Bedingungen täglich verändern und innerhalb weniger Minuten neue Entscheidungen getroffen werden müssen, kann dagegen eine andere Person im Vorteil sein, die schnell umschaltet und sich flexibel auf neue Situationen einstellt.

Genau deshalb ist die Frage nach den eigenen Stärken auch für beruflichen Erfolg so relevant. Nicht, weil jeder Mensch nur noch das tun sollte, worauf er gerade Lust hat. Sondern weil dort, wo persönliche Stärke und eine passende Aufgabe aufeinandertreffen, außergewöhnlich gute Arbeit entstehen kann.

Je klarer jemand diese Stärken kennt und benennen kann und je mehr dieser Stärken in der eigenen Arbeit eingebracht werden können, desto wertvoller und erfolgreicher ist jemand in seiner Arbeit, während sie gleichzeitig Freude macht und leicht fällt.

ein Artikel von
Jenna van Hauten
Jenna van Hauten
Jenna van Hauten ist MSC. Psychologin und systemische Therapeutin und Beraterin (SG). Mit über 20 Jahren Erfahrung im Bereich Persönlichkeitsentwicklung und als Entwicklerin der Schema Du Stärkencoaching-Methode hilft sie Menschen, mehr Erfüllung im Job zu finden. Sie hat bereits über 8.000 Menschen in Vorträgen, Workshops und Coachings begleitet und möchte mit ihrem Buch “Endlich ein Job, der zu mir passt” (Kniga Verlag) noch mehr Menschen dabei unterstützen, im Leben und Job einen Weg zu gehen, der sie wirklich erfüllt.