Sonnenfinsternis
„Flieger, grüß mir die Sonne, grüß mir die Sterne und grüß mir den Mond.“ Hans Albers konnte 1932 noch nicht ahnen, dass sein Fliegerlied fast hundert Jahre später einmal die perfekte Zusammenfassung einer Börsenwoche liefern würde. Fangen wir mit der Sonne an, denn die machte sich am Mittwoch tatsächlich rar. Bei der totalen Sonnenfinsternis verschwand sie in Teilen Europas vollständig. Und als hätte der Himmel für diese Woche einen besonders ambitionierten Veranstaltungskalender geschrieben, erreichten nur wenige Stunden später auch noch die Perseiden ihren Höhepunkt. Sonne weg, Sterne da. An den Börsen lief es genau andersherum: Da lichtete sich diese Woche eher die Finsternis. Die US-Inflation fiel im Juli auf 3,4 Prozent, nach 3,5 Prozent im Juni, und plötzlich wurde aus der zuletzt wieder diskutierten Zinserhöhung der Fed eher eine Zinspause. Die Wahrscheinlichkeit unveränderter Zinsen wird inzwischen mit rund 65 Prozent gehandelt. In Deutschland sieht der Himmel noch etwas wolkiger aus: Hier lag die Inflationsrate im Juli bei 2,8 Prozent und damit weiterhin deutlich über dem EZB-Ziel. Die Börsen störte das wenig. DAX und STOXX 600 erreichten neue Allzeithochs und diesmal scheint die europäische Rally zunehmend von dem unterfüttert zu werden, was Börsianer am liebsten mögen: Gewinne. Für die Unternehmen des STOXX 600 zeichnet sich im zweiten Quartal das stärkste Gewinnwachstum seit 2022 ab. Jahrelang standen europäische Aktien im Schatten der amerikanischen Magnificent Seven. Jetzt kommen sie langsam wieder ans Licht. Vielleicht ist das die eigentliche Sonnenfinsternis dieser Woche: Nicht die Sonne verschwindet, sondern der Schatten über Europa.
Mondflug
„Flieger, zeig mir den Mond“… auch das war diese Woche leichter gesagt als getan. Eine ausgediente Oberstufe einer Falcon-9-Rakete machte es vor und sollte nahe dem Einstein-Krater auf dem Mond einschlagen. Wissenschaftler nutzen selbst den Aufprall von Weltraumschrott noch, um etwas über Staub, Einschlagsdynamik und künftige Mondmissionen zu lernen. Selbst eine abgestürzte Raketenstufe produziert also noch Research. Den kuriosesten Flug der Woche absolvierte allerdings Donald Trump. Wegen einer offenbar ernst zu nehmenden iranischen Bedrohung wurde der US-Präsident beim NATO-Gipfel in Ankara kurzerhand aus seiner eigentlichen Präsidentenmaschine ausgelagert und über einen Catering-Lkw zu einer kleineren Boeing C-32A gebracht, während die große Maschine samt Regierungsmitgliedern und Journalisten zur Ablenkung weiterflog. Während Amerika beim Fluggerät also vorübergehend downsizte, will China jetzt endgültig hoch hinaus. Die C919 des chinesischen Flugzeugbauers COMAC absolvierte diese Woche ihren ersten regulären internationalen Linienflug von Peking nach Ulaanbaatar. Noch steckt reichlich westliche Technik in der Maschine, noch fehlen die wichtigen europäischen und amerikanischen Zulassungen und noch teilen Airbus und Boeing den großen Himmel weitgehend unter sich auf. Aber diesen Film haben wir schon einmal gesehen. Erst wurden chinesische Solarmodule belächelt, dann Batterien, anschließend Elektroautos. Wer COMAC deshalb für hinterm Mond hält, sollte vielleicht gelegentlich aus dem Fenster schauen. Airbus und Boeing müssen morgen nicht zittern. Aber übermorgen würde ich zumindest schon einmal den Rückspiegel einstellen. Noch höher hinaus will Unitree. Der chinesische Roboterbauer, bekannt durch jene ziemlich irren Videos, in denen humanoide Roboter tanzen, kämpfen und Bewegungen vollführen, will an die Börse. Wer das Video noch nicht kennt, sollte es sich unbedingt hier ansehen. Der Börsengang war mehr als 5.500-fach, nach finalen Zahlen teilweise sogar mehr als 8.000-fach überzeichnet. Dafür gibt es Unitree mit einer Bewertung von rund neun Milliarden Dollar beziehungsweise etwa dem 219-fachen Jahresgewinn. „To the Moon“ bekommt da eine ziemlich konkrete Bedeutung.
Sternschnuppe
„Flieger, zeig mir die Sterne“… davon gab es diese Woche nun wirklich genug. Am Himmel waren es die Perseiden, an der Börse hießen zwei der hellsten Sternschnuppen CoreWeave und Nebius. CoreWeave meldete einen Quartalsumsatz von 2,58 Milliarden Dollar, mehr als doppelt so viel wie ein Jahr zuvor, und einen Auftragsbestand von inzwischen über 100 Milliarden Dollar. Die Aktie quittierte das mit rund 20 Prozent Plus. Nebius setzte noch einen drauf: Das Geschäft mit KI-Infrastruktur explodiert, vier neue Cloud-Verträge bringen jeweils mehr als eine Milliarde Dollar und die Aktie schoss zeitweise um rund 34 Prozent nach oben. Beide Unternehmen erzählen dieselbe Geschichte: Beim KI-Goldrausch geht es viel um Infrastruktur. Und wenn wir schon beim Gold sind, führt uns der Sternenhimmel dieser Woche fast zwangsläufig 55 Jahre zurück. Am 15. August 1971 trat Richard Nixon vor die Kameras und verkündete, die Konvertierbarkeit des Dollars in Gold werde „vorübergehend“ ausgesetzt. Vorübergehend. Ein wunderbares Wort. Besonders in der Politik und an der Börse. Die vorübergehende Maßnahme dauert inzwischen 55 Jahre. Das erinnert ein wenig an die „vorübergehend“ hohe Inflation, die „vorübergehend“ hohen Staatsdefizite und all die anderen Provisorien, die erstaunlich langlebig werden können. Mit Nixons Entscheidung war das Bretton-Woods-System faktisch Geschichte. Seitdem ist unser Geld endgültig vor allem eines: ein Versprechen. Ein Versprechen darauf, dass Zentralbanken Maß halten und Staaten ihre Schulden beherrschen. Das erklärt auch, warum ich bei Gold weiterhin eher zu den Optimisten gehöre. Nicht weil ich auf den Zusammenbruch unseres Geldsystems warte. Gold braucht keine Apokalypse, um seine Berechtigung in einem Portfolio zu haben. Es reicht schon die Erkenntnis, dass Regierungen, Notenbanken und Anleger mit dem Wort „vorübergehend“ manchmal ziemlich großzügig umgehen. Und damit sind wir wieder bei Hans Albers: Sonne gesehen, Mond erreicht, Sterne gefunden. Mehr kann man von einer Börsenwoche eigentlich kaum verlangen. Also: Flieger, zeig mir die Sonne, zeig mir die Sterne, zeig mir den Mond.
Ihr Volker Schilling