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ZASTER AROUND THE WORLD

Auswandern: Was kostet das Leben in Paraguay?

von Anke Dembowski

Finanzexpertin Anke Dembowski unterhält sich mit Lydia Fehmer, einer 30-jährigen Deutschen, die seit viereinhalb Jahren in Paraguay lebt.

Lydia, warum bist Du nach Paraguay gegangen und was hält dich dort?

Nach Paraguay bin ich eigentlich durch Zufall gekommen, und jetzt bin ich seit viereinhalb Jahren hier. Mir tut es gut, hier zu sein. Die Menschen in Paraguay sind sehr positiv und mega-entspannt. In Deutschland war ich ziemlich gestresst: Oh Gott, das Klima! Was, wenn ich arbeitslos werde? Was kann ich gegen das Abschmelzen der Gletscher tun? In Deutschland wurden auch so viele apokalyptische Filme gezeigt; das hat mich wirklich gestresst! Seit ich in Paraguay bin, mache ich mir nicht mehr so viele Gedanken über die Zukunft, und ich plage mich nicht mehr mit so vielen negativen Gedanken herum. Hier mache ich das, wovon ich denke, dass es für mich langfristig das Beste ist, und natürlich hoffe ich, dass es hier so gut weitergeht wie bisher. Ich weiß natürlich, dass sich im Leben nicht alles kontrollieren lässt. Morgen kann auch alles vorbei sein. Aber ich genieße es, hier zu leben.

Ich beobachte, dass derzeit ziemlich viele Auswanderer ins Land kommen. Überwiegend sind das Individualisten oder Leute, die anders denken, die in ihrem Leben eigene Akzente setzen möchten, und die von ihrem Heimatland in Europa auf die eine oder andere Weise die Nase voll haben. Einige von ihnen sind regelrecht staatsverdrossen und enttäuscht von Europa. Hier wollen sie sicher nicht ins Sozialsystem einwandern – das gibt es hier nämlich in der Form gar nicht -, sondern sie krempeln die Ärmel hoch und wollen hier etwas aufbauen. Das verstärkt das positive Gefühl hier noch.

Was können die Deutschen von den Menschen in Paraguay lernen? Und möglicherweise andersherum?

Der große Unterschied zwischen Deutschland und Paraguay sind die vielen Regeln. Die Deutschen leben für ihre Regeln und hinterfragen sie auch gar nicht mehr. In Deutschland ist der Staat allmächtig geworden, und irgendwie haben die Bürger das zugelassen. Hier in Paraguay interessiert der Staat die Leute nicht. Sie hören gar nicht zu, was die Politiker sagen, sie protestieren auch nicht, sondern sie machen einfach ihr Ding. Hier redet Dir der Staat nicht so massiv in Dein Leben rein, sondern Du tust und machst, was du willst. Solange Du keine Gesetze verletzt, kannst Du völlig frei leben, ein Business aufmachen, arbeiten und so weiter, was Du willst! Ohne Lizenz, Meisterprüfung oder WP-Testat. Ich empfinde das Leben hier als die ultimative Freiheit.

Hier in Paraguay hat jeder die Möglichkeit das zum Gelderwerb zu tun, was er oder sie als gute Idee ansieht. Das sorgt für ein sehr positive Aufbruch-Stimmung. Beruflich können junge Menschen hier teilweise schon ein ziemlich großes Rad drehen – man lässt sie einfach machen. Offenbar ist hier die Heimat aller Optimisten! Wenn es dann doch schiefgeht, machst Du zu und probierst einfach etwas anderes. Die jungen Leute machen hier auch viel früher Abitur und sind sehr jung, wenn sie mit dem Studium fertig sind. Hier gibt es Leute, die sind schon mit 24 oder 25 Jahren Facharzt – da ist man bei uns gerade mal mit dem Studium fertig.

Außerdem sind die Menschen hier toleranter. Sie wissen, dass das Leben ein Geben und ein Nehmen ist. Mal feiert der eine im Haus eine Party und ist laut, mal der andere. Wenn einem das zu laut ist, geht man eben aus, oder man erscheint einfach auf der Party. Keiner würde für so etwas die Polizei rufen. Hier ist man großzügiger im Umgang miteinander – das gefällt mir.

Was auch schön ist, ist dass die Menschen hier so spontan sind. In Deutschland ist alles sehr terminorientiert. Was die Arbeit betrifft, ist das auch hier so. Aber sobald man abends Freizeit hat, schreibt man sich einfach spontan: „Hey, hast du Lust, heute etwas essen zu gehen?“ Oder man schreibt in die Gruppe. Und zu 95 Prozent heißt es: „Ja, bin in 20 Minuten da.“

Was die Menschen hier von den Deutschen lernen könnten, ist, zu planen. Mit Freunden kannst Du hier kein Treffen eine Woche im Voraus planen. Viel mehr musst Du hier öfter sagen, dass man sich an diesem oder jenem Tag trifft, sonst kommt keiner zu dem Treffen. Wenn die Leute hier nichts mehr von Dir hören, vermuten sie, die Pläne hätten sich geändert. Und weil es hier kaum Planung gibt, verfolgen die Leute hier auch keine Strategie. Sie wissen nicht, wo sie im kommenden Jahr oder fünf Jahren stehen wollen. Die Spontanität hat also ihre Vor- und Nachteile.

Welche drei Tipps würdest du einem Deutschen geben, der auch nach Paraguay auswandern will?

Sprich zumindest ein bisschen Spanisch, wenn Du hierherkommst, denn die wenigsten sprechen hier Englisch oder gar Deutsch.

Außerdem sollte man hier offen für Neues und neugierig aufs Land sein. Die Menschen sind hier so offen, so herzlich – davon sollte man auch etwas zurückgeben, wenn man hierherkommt.

Es ist sicher nützlich, sich einer Expat-Gruppe anzuschließen. Die habe ich selbst erst vor rund einem halben Jahr gefunden. Dort kann man alle möglichen Fragen stellen, und erhält oft gute Antworten und Tipps. Dort gibt es auch gemeinsame Freizeit-Aktivitäten, z.B. gibt es dort eine Wandergruppe. Wenn man selbst etwas plant, kann man auch fragen: „Hey, ich würde am Wochenende gerne dorthin fahren, wer kommt mit?

Wie teuer ist das Leben in Paraguay im Vergleich zu Deutschland?

Das Leben hier ist viel günstiger als in Deutschland. Hier kannst Du jederzeit sagen „Komm, wir gehen was essen!“, und es macht Dich nicht arm. Beispielsweise war ich heute in einem Restaurant und habe das Mittags-Menü bestellt. Das hat umgerechnet 2,50 € gekostet und es war sehr gut!

Auch Strom ist hier billig, nur etwa 5 Cent pro Kilowattstunde. Deshalb sind auch viele Tech-Nomaden und Bitcoin-Schürfer hier. Hier haben wir sogar überwiegend grüne Energie, vom Itaipú Wasserkraftwerk, das 1982 fertiggestellt wurde.

Krankenversicherung, Steuern, Rentenversicherung? Wie wird das in Paraguay gehandhabt?

Das öffentliche Gesundheitssystem ist hier gratis. Wenn Du etwas hast, gehst du ins Krankenhaus oder zum Arzt, und Behandlung und Medikamente sind kostenlos. Die Ärzte sind kompetent, aber die öffentlichen Krankenhäuser oft nicht gut ausgestattet. Medikamente sind zwar kostenlos, aber Mangelware. Was sie im Krankenhaus nicht mehr haben, musst du kaufen. Wer es sich leisten kann, geht daher in Privatkliniken. Dort zahlst du natürlich etwas, aber im Vergleich zu Deutschland ist das eigentlich nicht sehr viel.

Rentenversicherung? Niemand, den ich kenne, weiß was das ist, und entsprechend zahlt auch niemand ein. Es gibt eine Art staatliche Rentenversicherung, sie heißt „tercer edad“. Ich kenne nicht viele Details darüber, aber es ist wohl eher ein Tropfen auf den heißen Stein und das System noch nicht ganz ausgereift.

Die Leute planen hier nicht so weit im Voraus. Hier leben die Familien gemeinsam unter einem Dach. Wenn die Großeltern nicht mehr arbeiten können, werden sie von der jüngeren Generation mitversorgt. Dafür passen die Großeltern auf die Kinder auf oder kochen. So war das ja vor langer Zeit auch bei uns in Deutschland. Mittlerweile hat der Staat aber alles übernommen, einschließlich das Denken (lacht).

Und die Steuern, die sind hier kein Schreckgespenst. Der Einkommensteuersatz beträgt 10%, und vorher kannst Du alle Ausgaben, die Du im Land getätigt hast, abziehen. Paraguay möchte damit die Konsumausgaben im Land fördern, die ja auch zu Mehrwertsteuer-Einnahmen führen.

Welchen geheimen Spartipp hast du für das Leben in Paraguay entdeckt?

Wenn Du Deine Wohnung einrichten möchtest, kannst Du hier sehr gut gebrauchte Möbel kaufen; damit fährst Du total günstig. Alternativ kannst Du Dir hier auch beim Schreiner Möbel anfertigen lassen; das ist billiger als sie im Möbelgeschäft zu kaufen. Egal was du suchst – Auto, Möbel, Services, Wohnung, Grundstück… eigentlich wird hier alles auf Facebook Marketplace angeboten.

Wenn du wirklich günstig wohnen willst, empfehle ich, einen Wohnsitz im Landesinneren zu suchen. Wenn man unbedingt in der Hauptstadt sein möchte, kann man sich zumindest in den Randbezirken umsehen. Ich habe das auch so gemacht, und zwei Jahre lang teilweise für weniger als 100 Euro in Häusern mit Garten gewohnt – zwar schlicht, aber mit allem was man braucht.

Welches Produkt ist in Paraguay besonders teuer und welches Produkt sehr günstig?

Also essen gehen oder ausgehen ist hier total günstig. Und Taxifahren? Naja, eigentlich fährt man hier mit Uber oder Bolt. Da kannst Du eine halbe Stunde durch Asunción fahren und zahlst umgerechnet nur 3,50 bis 5,00 Euro. Du findest hier zu jeder Tages- und Nachtzeit Uber- oder Bolt-Fahrer, daher brauchst Du hier kein eigenes Auto. Das spart natürlich Geld.

Ja, und was ist hier teuer? Importware… alles, was aus dem Ausland kommt, ist hier teuer.

Hast du einen Tipp für die Jobsuche für Einwanderer in Paraguay?

Hier geht vieles digital. Du bietest einen Service an oder suchst selbst etwas? Schau bei Instagram oder noch besser: Auf Facebook! Hier in Paraguay empfiehlt es sich, digital zu arbeiten und sich selbständig zu machen.

Wie sieht dein neuer Alltag in Paraguay aus? Was hat sich hier am meisten zum alten Leben verändert?

Ich habe hier einen guten Job, arbeite in der Administration für einen Bauträger. Wir erleben hier gerade einen Mega-Bauboom in Paraguay, da gibt es also jede Menge zu tun. Ich überprüfe, ob die Kaufpreise eingehen, schreibe die Bestätigungen und kümmere mich, wenn die Gebäude fertiggestellt sind, um die Grundbucheintragung.

Die meisten meiner Kollegen arbeiten remote – genau wie ich. Daher haben wir sehr flexible Arbeitszeiten. Ja klar, manchmal treffen wir uns mit neuen Interessenten, geben Präsentationen oder verbringen Zeit mit Investoren. Und natürlich haben wir auch das ein oder andere Team Meeting.

Und abends geht man hier sehr häufig aus.

Was die Beziehungen hier betrifft, sind die Paraguayer sehr offen. Sie gehen auf Dich zu, reden gerne mit Dir. So kommt es, dass es hier auch sehr viele gemischte Beziehungen gibt. Mein Freund kommt beispielsweise aus Venezuela.

Welche Rolle spielt Geld in der Gesellschaft in Paraguay? Was würdest du sagen?

Wenn hier jemand Geld hat, dann zeigt er das gerne. Die goldene Rolex, das tolle Auto… so etwas wird hier gerne gezeigt. Aber ich glaube, das ist in ganz Südamerika so. Im Understatement übt man sich hier nicht, eher im Overstatement.

Was mir auch auffällt ist, dass es hier eine sehr große ökonomische Disparität gibt. Hier leben eine Handvoll Milliardäre, ein paar Multimillionäre und relativ viele arme Leute. So etwas wie eine Mittelklasse fängt hier gerade erst an zu entstehen und ist bislang noch nicht sehr ausgeprägt.

Es gibt hier vielleicht 200 Familien, die das Land dominieren und regieren – zumindest erzählt man das hier. Diese 200 Familien schicken ihre Kinder zum Studieren ins Ausland. Sie werden in jeder Disziplin gefördert und erstklassig ausgebildet. Daher sind sie enorm clever, in mancher Hinsicht viel besser als wir – die sind einfach Top. Da müsste man in Deutschland lange suchen, bis man solche Leute findet. Der Rest ist im Prinzip Fußvolk. Beispielsweise können hier die wenigsten Leute Englisch sprechen oder verstehen.

Die große Disparität sorgt für ein viel größeres Klassendenken als wir das in Deutschland gewohnt sind. In Deutschland kann ich im Café sitzen und nebenan ist George Clooney, Till Schweiger oder ein Politiker, und es passiert nichts. Auch in der Bahn oder im Flugzeug siehst du mal einen Promi, das ist in Deutschland ganz normal. Hier siehst Du solche Leute nicht auf der Straße. Sie leben meistens in geschlossenen Neighbourhoods und sind dort unter sich.

Naja, neulich war mein Freund auf einem Lauf-Event. Dort ist auch die Tochter von einem Promi mitgelaufen, aber nach dem Marathon wurde sie direkt mit fünf Bodyguards ins Haus gebracht und war dann weg. Leute aus der Upper Class sieht man hier nur bei ganz exklusiven Events und da musst Du erst mal hinkommen. Die Kreise sind hier ziemlich geschlossen und sie mischen sich auch nicht.

Aber unter den normalen Leuten ist man sehr offen. Es gibt hier auch Paraguayerinnen, die sich mit Absicht ausländische Männer suchen. Genauso gibt es Paraguayos, die sich nach Ausländerinnen umsehen. Beides hat nicht immer mit dem Faible für Exotisches zu tun, sondern oft auch mit Geld.

Hier ist es so: Eine Frau kann in Dich verliebt sein und Dich sehr mögen, aber wenn Du ein armer Schlucker bist, wird sie auf Dauer nichts mit Dir anfangen. Das Versorgungs-Denken ist hier schon ziemlich ausgeprägt. Vielleicht liegt das an dem Tripel-Allianz-Krieg. Von 1864 bis 1870 kämpfte Paraguay gegen Argentinien, Brasilien und Uruguay, und dabei sind etwa 90 % der männlichen Bevölkerung in Paraguay abgeschlachtet worden. Das hat dazu geführt, dass viele Frauen nicht in der Lage waren, ihre Kinder zu versorgen. So etwas wirkt lange in den Köpfen nach. Daher sucht eine Frau hier jemanden, den sie liebt, den sie respektiert, aber auf der anderen Seite sollte er auch wirtschaftlich für sie da sein. Das hängt vermutlich überall auf der Welt irgendwie zusammen, aber hier vielleicht stärker als anderswo.

Vielen Dank für das offene und super-interessante Gespräch!

 

ein Artikel von
Anke Dembowski
Anke Dembowski arbeitet seit 1989 in der Fonds-Branche: Zuerst als selbständige Anlageberaterin mit einem der ersten Fonds-Shops, dann im Deutschland-Vertrieb eines Versicherers, und jetzt als Finanzjournalistin. Im Jahr 2024 gründete sie zusammen mit zwei Kolleginnen das Karrierenetzwerk „Fondsfrauen“.