Breite Marktindizes zeigen nie die ganze Wahrheit
Die frühen 2000er waren ein prägender Startpunkt. Auch damals sorgten Themen für Verunsicherung, die heute wieder bekannt klingen: Geopolitische Ereignisse erschütterten die Öl- und Rohstoffmärkte, Terroranschläge zerstörten das Vertrauen einer ganzen Generation. Die Internet-Blase platzte. Märkte, die zuvor von Zukunftsfantasien getragen wurden, verloren abrupt an Wert. Auffällig war, dass sich trotz dieser extremen Ereignisse mit bestimmten Anlagestrategien gute Ergebnisse erzielen ließen. Wachstumsorientierte Investments verzeichneten mehrheitlich massive Verluste. Value-Strategien, also wertorientierte Ansätze, blieben jedoch stabil und konnten positive Ergebnisse erwirtschaften. Der Fokus auf attraktive Bewertungen und Geschäftsmodelle erwies sich in dieser Phase als stabilisierender Faktor. Eine zentrale Erkenntnis daraus: Wenn „der Markt“ fällt, heißt das noch lange nicht, dass überall das gleiche passiert. Unter der Oberfläche laufen oft sehr unterschiedliche Entwicklungen ab. Eine Betrachtung verschiedener Faktoren und eine entsprechende Diversifikation können helfen, Portfolios in Krisenzeiten zu stabilisieren.
An der Börse entscheidet oft auch die Stimmung
Krisen lassen sich selten auf einen einzelnen Auslöser zurückführen. Vielmehr kommen meist diverse Faktoren zusammen – etwa Bewertungen, das makroökonomische Umfeld, die Marktstimmung und externe Ereignisse. Ein wichtiger Einflussfaktor ist die Stimmung der Investoren. Hohe Bewertungen allein führen nicht zwangsläufig zu Marktkorrekturen. Entscheidend ist, wie einseitig Marktteilnehmer positioniert sind. Solange unterschiedliche Einschätzungen im Markt vorhanden sind und auch kritische Stimmen Gehör finden, kann dies stabilisierend wirken.
Denn es bedeutet, dass nicht alle Investoren gleichzeitig in dieselben Segmente investiert sind. Über lange Zeiträume kann man die Stimmungen der Investoren also ignorieren. Aber wenn sie einseitige Extreme erreichen, werden sie plötzlich entscheidend. Ein zu früher Ausstieg kann dabei genauso schädlich sein wie ein panischer Verkauf. Daher sollte man antizyklisch handeln und in mehreren Schritten vorgehen. Panik ist dabei leichter zu erkennen als das Ende einer Euphorie.
Warum Flexibilität ein echter Vorteil ist
Eine zentrale praktische Erkenntnis betrifft die Umsetzbarkeit von Entscheidungen. Bereits seit Anfang 2003 haben wir ETFs gezielt eingesetzt, um in volatilen Marktphasen schneller agieren zu können als mit klassischen Fondsbausteinen. Neben der reinen Analyse rückte zunehmend die operative Effizienz in den Fokus – also die Frage, wie rasch und reibungslos sich Entscheidungen auch tatsächlich umsetzen lassen. Zudem zeigte sich über die Jahre, dass es neben der Entscheidung für oder gegen einen Anlagebaustein immer auch abzuwägen gilt, welches die effizienteste und kostengünstigste Art der Umsetzung ist. Heute nutzen wir neben Zielfonds und ETFs auch Futures, Aktien- und Rentendirektinvestments, um bestimmte Entscheidungen in Multi-Asset-Portfolios umzusetzen.
Wenn plötzlich niemand mehr kaufen will
Die globale Finanzkrise der Jahre 2007 bis 2009 hat den Blick auf die Risiken nochmals grundlegend verändert. Nicht mehr nur Bewertungen oder Konjunkturüberlegungen standen im Fokus, sondern ein viel grundlegenderes Thema: Lassen sich bestimmte Anlagen im Krisenfall überhaupt noch veräußern? Selbst große Märkte zeigten plötzlich Risse. Spreads weiteten sich, der Handel wurde schwierig, teilweise unmöglich. In solchen Phasen verschiebt sich die Priorität.
Wenn Liquidität austrocknet und Zielfonds z.B. aufgrund illiquider Positionen, fehlender Bewertungsmöglichkeiten oder von Sanktionen geschlossen werden, nützt die beste Analyse der Gesamtsituation nichts. Wenn alle gleichzeitig zur Tür drängen, ist der Handlungsspielraum bereits eingeschränkt. Daher gilt: Gerade in solchen Marktphasen wird Geschwindigkeit zum kritischen Erfolgsfaktor – If you panic, panic first!“.
Diversifikation heißt heute mehr als Aktien plus Anleihen
Die vergangenen 25 Jahre haben gezeigt, wie dynamisch sich das Marktumfeld verändert. Wer einseitig positioniert ist, läuft Gefahr, schnell ins Hintertreffen zu geraten. Deshalb ist breite Streuung wichtiger denn je. Diversifikation hat sich im Zeitverlauf deutlich weiterentwickelt und geht heute weit über die klassische Aufteilung zwischen Aktien und Anleihen hinaus. Neben verschiedenen Anlageklassen haben auch Investmentstile, Regionen, Sektoren und Strategien eine eigene Bedeutung. Ergänzend können Investitionen in Schwellen- und Frontier-Märkten zusätzliche Diversifikationseffekte liefern und zugleich wirtschaftliche Entwicklungen vor Ort unterstützen. Auch alternative Strategien haben an Relevanz gewonnen. Insbesondere in Phasen extrem niedriger Zinsen oder insgesamt erhöhter Marktunsicherheit, so wie aktuell, können sie zusätzliche Ertragsquellen erschließen und Schwankungen abfedern.
Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Multi-Asset-Lösungen der apoAsset wider, die seit 25 Jahren bestehen und seit Anfang der 2000er-Jahre kontinuierlich an veränderte Marktbedingungen angepasst werden. Im Zentrum steht dabei der Anspruch, Vermögen über unterschiedliche Marktphasen hinweg verantwortungsvoll zu steuern. Klare Regeln und strukturierte Prozesse helfen, Rückschläge zu begrenzen und Chancen in volatilen Marktphasen gezielt zu nutzen. Wer langfristig erfolgreich sein will, muss bereit sein, Annahmen zu hinterfragen und Portfolios konsequent weiterzuentwickeln.
Und was ist mit KI?
Der Blick nach vorn führt unweigerlich zur künstlichen Intelligenz. Erste Analysen zeigen, dass KI-basierte Modelle in bestimmten Fällen mit klassischen Ansätzen konkurrieren können. Aber: KI ist kein Selbstläufer. Mit zunehmender Verbreitung wird sie selbst Teil des Marktes – und verliert damit auch ein Stück Vorsprung. Zudem ist die Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen bei KI-Modellen möglicherweise eingeschränkt. Diese Entwicklungen werfen viele neue Fragen auf, aber eine zentrale Frage bleibt: Welche Modelle sind langfristig gut und für die jeweilige Marktphase geeignet? Denn auch wenn sich Modelle ebenso wie gute aktive Manager an Änderungen im Marktumfeld anpassen, wird es nicht allen gelingen, dauerhaft zu überzeugen.
Die eigentliche Krisenformel
Wer unterschiedliche Marktphasen betrachtet, erkennt schnell ein Muster – oder, wenn man so will, eine wiederkehrende Formel: Märkte sind immer wieder von Krisen geprägt, erholen sich langfristig aber immer wieder. Ob Dotcom-Krise, Finanzkrise oder der pandemiebedingte Einbruch im Jahr 2020 – Auslöser und Dynamiken unterscheiden sich, die grundlegenden Mechanismen bleiben vergleichbar. Entwicklungen verlaufen selten linear und sind kurzfristig kaum prognostizierbar. Entscheidend ist daher weniger, jede Krise vorhersehen zu wollen, sondern darauf vorbereitet zu sein – mit klaren Prozessen, einem breit aufgestellten Portfolio und der Disziplin, auch in herausfordernden Phasen handlungsfähig zu bleiben.
Für Anleger bedeutet das vor allem eins: Langfristig investiert zu bleiben ist kein passives Ausharren, sondern eine aktive Entscheidung für einen systematischen, resilienten Investmentansatz. Wer kurzfristige Verwerfungen aushält und konsequent an einer durchdachten Strategie festhält, schafft die Voraussetzungen, um die Erholungskräfte der Märkte nachhaltig zu nutzen. Doch die Entscheidung überhaupt zu investieren, muss jeder treffen.
Ein Gastbeitrag von Marc Momberg, Leiter Portfoliomanagement bei der Apo Asset Management GmbH (apoAsset).
Dies ist keine Anlageberatung. Bitte informiert euch vor einer Geldanlage über die Risiken und beachtet unsere Hinweise hier.