© Nina Gscheider / Segurio
VERSICHERT?

Segurio: Wie ein Start-up die Versicherungsbranche revolutioniert

von Pauline Brinkmann

Nina Gscheider gründete vor drei Jahren zusammen mit Dr. Franz Ihm Segurio. Segurio ist ein Start-up, welches es seinen Kunden ermöglicht die eigenen Wertsachen im Handumdrehen zu versichern. Dabei bedarf es keiner großen Versicherungsberatung, sondern lediglich ein paar Klicks auf der Website. Alles läuft digital und flexibel, denn die Versicherung ist für den Versicherungsnehmer monatlich kündbar. Wir haben uns mit Nina zum Interview verabredet.

Wie kam Ihnen die Gründungsidee? Gab es eine besonders prägende Erfahrung, die Sie auf diesen Pfad brachte?

Ehrlicherweise wusste ich schon immer, dass ich gerne selbstständig tätig sein möchte. So war ich mal bewusst und mal weniger bewusst immer auf der Suche nach Ideen und neuen Lösungen. Franz Ihm und ich haben gemeinsam im Bereich der Kunstversicherung gearbeitet. Wir wurden unglaublich oft nach Sonderlösungen wie zum Beispiel der Versicherung für den Verlobungsring oder für das erste Kunstwerk gefragt. Diese super individuellen Anfragen lassen sich mit einer Office Maschinerie nicht gut anbieten, sodass wir die Idee zur Gründung einer digitalen Plattform hatten, die genau auf solche kleinen Risiken und eben individuelle Bedürfnisse eingehen kann.

Sie hatten vor Ihrer Gründung beide gute Jobs. Wie viel Mut hat es Sie gekostet diese Komfortzone zu verlassen und zu gründen? Vielmehr: Würden Sie es wieder tun? Und was würden sie gegebenenfalls heute anders machen?

Von Mut würde ich an dieser Stelle gar nicht sprechen. Eher empfanden wir es wohl als eine Art Notwendigkeit, als logischen nächsten Schritt.
Klar, wir würden alles genauso wieder tun. Wenn wir die Erfahrungen von heute bereits schon damals im Gepäck gehabt hätten, dann wären manche Probleme und Herausforderungen sicherlich viel unkomplizierter und eleganter gelöst worden.

Sie sehen sich als Versicherungsvermittler, warum bedarf es solch einem Konstrukt überhaupt? Sie waren beide selbst lange Zeit in der Branche tätig, warum gelingt es den großen Versicherungen nicht, selbst neu und mit der Zeit gehend zu denken?

Wir alle wissen, dass die Versicherungsbranche unglaublich schwerfällig agiert und über Maklernetzwerke ihre Kunden betreut und neue Kunden gewinnt. Diese Art des Wachstums funktioniert und hat sich über viele Jahre hin bewährt. Was unsere Erfahrungen anbelangt würden die großen Versicherungskonzerne unbedingt gerne digitaler werden. Durch das Betreuungs- und Vertriebssystem der Branche ist aber hier ein gigantisches Netzwerk involviert. Demnach sind die Konzerne immer viel langsamer und wenig digital unterwegs, weil es leider zusätzlich auch oft an einem innovativen Mindset in der Entscheider-Etage mangelt. Hier wird nicht langfristig gedacht und vor allem gern am Kunden vorbei.

Warum bedarf es dieser zusätzlichen Einzelstückversicherung, wenn es schon sehr umfassend absichernde Versicherungstypen wie die Haftpflicht- oder die Hausratsversicherung gibt?

Eine Haftpflicht schützt den Versicherungsnehmer vor Ansprüchen Dritter: Habe ich Dein Sofa mit meinem Rotwein ruiniert? Eine Hausratsversicherung schützt die Dinge des Hauses / der Wohnung vor allem gegen große Gefahren, wie Wasser und Feuer. Hier ist der Mixer versichert. Die Hausratsversicherung schützt meist deine wertvollen Gegenstände nicht ausreichend und vor allem ziemlich sicher nicht außer Haus: Will ich mit meiner Uhr in den Urlaub fahren? Möchte ich meine Handtasche ausführen? Wir sehen unser Angebot als einen Zusatz für die Hausratversicherung für ganz besondere Gegenstände. Diese sind weltweit gegen fast alle Gefahren versichert und damit perfekt geschützt.

Glauben Sie, dass Ihr Unternehmen auch vor 30 Jahren auf so viel positive Resonanz gestoßen wäre, oder haben Sie nun einfach den Puls der Zeit getroffen?

Vor 30 Jahren hätten wir vielleicht das Telefonbuch durchgerufen und von uns erzählt. Insbesondere durch die fortschreitende Digitalisierung sind Konsumenten einen größeren Kundenservice und viel mehr Transparenz gewohnt – Dinge durch diese sich die Versicherungsbranche bisher nicht besonders ausgezeichnet hatte. Damit könnte man schon sagen, dass wir mit unserem Service etwas bieten, was eigentlich schon lange da sein hätte müssen. Mit großer Freude sehen wir, wie viele neue Insure-tech Startups in den letzten Jahren gegründet wurden. Am Ende geht es dabei ganz oft um das Thema Individualität, also den Kunden selbst.

Wie rentiert sich dieses System mit besonders kurzen Laufzeiten usw. für ihr Unternehmen?

Wir stellten schnell fest: Nur weil wir keine Bindungsfristen oder Mindestlaufzeiten vorschreiben, bedeutet dies nicht, dass Kunden gleich wieder fort sind. Tatsächlich ist es vielmehr so, dass viele Kunden für lange Zeit bei uns versichern oder auch ein zufriedener Kunde immer wieder an uns denkt, wenn er ein neues Objekt hat oder der nächste Urlaub ansteht. Ein ganz wichtiger Punkt ist auch, dass wir eben kein repräsentatives (Versicherungs-) Office besitzen und voll digital sind. Diese ganzen Kosten mit Beigeschmack 80/90ger Jahre fallen bei uns komplett weg.

Bislang dienen Sie „nur“ als Bindeglied zwischen Versicherungsnehmer und Versicherer, planen Sie langfristig eine eigene Versicherung zu gründen?

Nein, dies planen wir nicht. Ohne uns wären viele Versicherer nicht mit einem Fuß in die Digitalisierung gekommen. Gleichzeitig hätten wir ohne sie natürlich keine Risikoträger. Es ist wichtig zu verstehen, dass wir hier zusammen unsere innovativen und simplen Produkte erarbeitet haben und dass es ganz visionäre und mutige Konzernmitarbeiter und Entscheider braucht, die mit einem so jungen Unternehmen kooperieren. Win Win finden wir!

Wie schützen Sie sich vor Betrug? Versicherungsbetrüger könnten auf Grund der kurzen Laufzeit angelockt werden.

Versicherungsbetrug ist eine absolut ernste Angelegenheit und wird von uns und den Versicherern sofort zur Anzeige gebracht. Klar, der Look unserer Homepage ist total easy und einladend, aber wir prüfen sehr genau, was für wie viel versichert wird. Hier behalten wir uns auch vor, entsprechende weitere Daten abzufragen oder den Vertrag aufzulösen, wenn etwas nicht passt.

Ihr Geschäftsmodell verspricht Unabhängigkeit und Flexibilität, sind das auch Werte, die sie im Rahmen ihrer Unternehmensführung kultivieren?

Ja, unbedingt. Alle unsere Mitarbeiter sind ortsunabhängig und können größtenteils ihre Arbeitsstunden selbst einteilen. Wir haben vor ein paar Monaten die Equalita Auszeichnung erhalten, weil wir innerbetrieblich stark weiblich aufgestellt sind und Frauen auch bewusst fördern!

Welche Gegenstände werden am häufigsten über Segurio versichert?

Schmuckstücke werden am häufigsten versichert, dicht gefolgt von Musikinstrumenten.

Erleben Sie teilweise auch skurrile Versicherungsanfragen, die sie ablehnen?

Wir freuen uns eigentlich immer sehr, wenn Anfragen kommen, die nicht mit dem Onlinetool sofort gelöst werden können. Dies zeigt uns nämlich was die Bedürfnisse unserer Kunden sind und wohin die Reise gehen könnte. Vor allem beweist es auch, dass Kunden uns hier noch viel mehr zutrauen.

Unterschätzen viele Menschen die Relevanz einer guten Versicherung?

Im Schadenfall wird leider immer erst klar, ob die Entscheidung für eine Versicherung richtig war. Am einfachsten könnte man dies schon vorhersehen, wenn man sich seinen Versicherungsvertrag ansieht. Niemand, der einen komplexen mehrseitigen Text mit etlichen Anhängen und Kleingedrucktem verantwortet, wird einen simplen Schaden schnell und sorgenfrei abwickeln. Das gleiche gilt sicherlich auch für die Schnelligkeit bei der Beantwortung von Anfragen. Diese sollte auch recht rasch erfolgen, ohne dass gefühlt die halbe Belegschaft nochmals über die E-mail schauen musste.

Mit einem Gespräch über das Thema Versicherungen gewinnt man keinen Comedypreis, wie sorgen Sie durch Ihre Unternehmenskommunikation dafür, dass dieses Thema attraktiver wird und mehr Menschen sich damit auseinandersetzen?

Wir sind sehr stolz auf unsere Homepage. Sie ist einladend, farbenfroh und damit sofort versicherungsuntypisch. Gleichzeitig bieten wir auf anderen Kanälen ganz viele Informationen über das Thema Versicherung, wo wir die Branche auch gerne mal auf die Schippe nehmen und gängige Vorurteile behandeln oder auch einfach mal erklären, was eine Haftpflichtversicherung überhaupt ist.

Würden Sie das gleiche tun was Sie gerade tun, wenn Geld keine Rolle in Ihrem Leben spielen würde?

Ja, aber von einem Haus mit Garten aus und nicht von einer Wohnung.

Gibt es noch einen Rat, den Ihr unseren jungen Lesern und Leserinnen mit auf den Weg geben möchtet? Eventuell zum Thema Gründung oder auch Versicherungen?

Beim Thema Versicherung ist es wichtig, dass man auf eigenen Beinen steht. Das bedeutet, dass man sich mit seinen eigenen Versicherungen auseinander setzten muss und für sich selbst entscheidet. Bei der Gründung ist es am Anfang eigentlich ganz ähnlich: Es ist ganz wichtig, dass man versteht mit welcher Materie man es eigentlich zu tun hat.

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ein Artikel von
Pauline Brinkmann
Pauline studiert in Potsdam und Lausanne Rechtswissenschaften. Ihr besonderes Interesse gilt jedoch nicht Mietverträgen, sondern politischen und gesellschaftlichen Prozessen.