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Auswandern: Was kostet das Leben in Israel?

von Michael André Ankermüller

Katharina Höftmann Ciobotaru wurde 1984 in Rostock geboren. Sie studierte Psychologie und deutsch-jüdische Geschichte in Berlin, ist freie Journalistin und hat bereits mehrere Kriminalromane und Sachbücher veröffentlicht, darunter „Guten Morgen, Tel Aviv!“. Seit 2010 lebt sie mit ihrer Familie in Tel Aviv. Im März kommt ihr erster literarischer Roman „Alef“ heraus, der eine deutsch-israelische Familiengeschichte erzählt.

1. Warum bist Du nach Israel gegangen und was hält Dich dort?

Ich bin 2010 mit meinem israelischen Mann von Berlin nach Tel Aviv gezogen, um dort als Journalistin zu arbeiten. Mittlerweile haben wir zwei Kinder und ich bin als Schriftstellerin zum Glück immer noch wahnsinnig von diesem Land und seinen Leuten inspiriert. Ich bin selbst sowohl deutsche, als auch israelische Bürgerin und sehe Tel Aviv als meine Heimat an, die ich zumindest in absehbarer Zeit auch nicht verlassen möchte.

2. Was können die Deutschen von den Israelis lernen? Und möglicherweise andersherum?

Ich habe von der israelischen Kultur extrem viel gelernt: Israelis sind wahnsinnig furchtlos, was vielleicht an der speziellen Situation hier im Land liegt. Diese Furchtlosigkeit, die vielleicht aus dem Leben im Mittelpunkt des „Nahost-Konflikts“ geboren wurde, überträgt sich in alle Lebensbereiche: Israelis haben viel weniger Angst zu scheitern als Deutsche.

Sich selbst neu zu erfinden, ist hier in Ordnung und wird nicht als Orientierungslosigkeit oder Schwäche ausgelegt. Israelis haben weniger Angst „echt“ und sie selbst zu sein, also zu brüllen, wenn sie wütend sind und zu lachen, wenn sie glücklich sind. All das führt auch dazu, dass sie zwar sehr leidenschaftlich leben, aber nicht alles immer punktgenau im Voraus zu planen. Es wird viel improvisiert und damit auch viel Neues erfunden, und es werden auch mal Dinge unkomplizierter geregelt (was sich gerade in der Corona-Zeit mit einer unglaublich erfolgreichen Impfkampagne gezeigt hat: Fast zwei Drittel der Israelis sind schon geimpft) – da könnte Deutschland sich wirklich manchmal eine Scheibe abschneiden.

3. Welche 3 Tipps würdest du einem Deutschen geben, der auch nach Israel auswandern will?

Durchhalten. Es kann am Anfang echt schwer sein. Israel ist Naher Osten, die Kultur ist anders. Es geht rauer, lauter und stressiger zu. Man muss sich erst einmal diese israelische Art erschließen, sich daran gewöhnen, dass kaum jemand die Worte „Entschuldigung“ und „bitte“ und „danke“ benutzt und daran, dass alles um Gottes Willen bloß nicht persönlich zu nehmen.

Sprache lernen. Zwar sprechen viele Israelis sehr gutes Englisch, aber so richtig kommt man in die Gesellschaft damit nicht rein. Und Hebräisch ist nicht leicht, weil es eben eine so andere Sprache ist als Deutsch. Dafür sind Israelis viel großzügiger mit Sprachanfängern, weil es eben eine Einwanderungsland ist und viele der Israelis selbst mal Sprachanfänger waren.

Einen finanziellen Plan haben. Israel ist teuer. Und auch wenn es gerade im Start-up-Sektor viele Jobs auch für Neuankömmlinge gibt; in vielen anderen Branchen ist das schwieriger. Die Gehälter sind niedriger als in Deutschland, die Lebenshaltungskosten hingegen deutlich höher.

4. Wie teuer ist das Leben in Israel im Vergleich zu Deutschland?

Viel teurer. Das betrifft fast alles, was Lebenshaltungskosten angeht: Miete, Lebensmittel (ob in Supermarkt oder Restaurants), Kleidung, Fahrzeuge – auf alles muss man mindestens 20 Prozent im Vergleich zu Deutschland draufschlagen. Auch die Kinderbetreuung kostet in Israel mehr als beispielsweise in Berlin. Bis drei Jahre müssen Kinder privat untergebracht werden, so eine private Kita liegt bei rund 700 Euro im Monat. Danach muss der Hort privat gezahlt werden, wenn das Kind bis 16:30 Uhr betreut werden soll (und nicht nur bis 14:00 Uhr) pro Kind nochmals etwa 200 Euro.

5. Krankenversicherung, Steuern, Rentenversicherung? Wie wird das in Israel gehandhabt?

Krankenversicherung ist eines der wenigen Dinge, die preiswerter sind als in Deutschland – ich zahle pro Monat als Selbstständige rund 75 Euro und bekomme dafür fast alles, was man in Deutschland mit einer gesetzlichen Krankenversicherung auch bekommt. Alle Israelis müssen krankenversichert sein, wenn man neu im Land ist, kann das anfangs – je nach Visum – ein bisschen kompliziert sein. Aber möglich ist es. Steuern und Rentenversicherung sind mit Deutschland vergleichbar (die Mehrwertsteuer liegt etwas niedriger mit 17 Prozent). Es gibt ein Steuerabkommen zwischen Deutschland und Israel, was es relativ einfach macht, in Deutschland weiterhin Geld zu verdienen. Sozialleistungen (wie Arbeitslosengeld, Kindergeld, Elterngeld) sind zum Teil deutlich niedriger bzw. werden über einen deutlich kürzeren Zeitraum hinweg ausgezahlt (Elternzeit beispielsweise sind nur drei Monate).

6. Welchen geheimen Spartipp hast Du für das Leben in Israel entdeckt?

Keinen wenn ich ehrlich bin. Tel Aviv ist einfach verdammt teuer. Aber ich habe das große Glück, als Schriftstellerin mein Geld vor allem in Deutschland zu verdienen, wo man vom Schreiben noch einigermaßen leben kann. Für mich ist es, als würde man in New York leben, man kann sich über die Kosten aufregen und wie wenig man für so viel Geld bekommt, aber dafür lebt man eben an einem der tollsten Orte der Welt.

7. Welches Produkt ist in Israel besonders teuer und welches Produkt sehr günstig?

Ich bin immer wieder entsetzt, wie teuer Käse (für ein Stück Manchego gerne mal acht Euro) und Brot (4,20 Euro mit Leichtigkeit) in Israel sind. Auch Drogerieartikel wie Duschbad, Deo etc. sprengen im Vergleich zu deutschen Preisen jeden Rahmen. Gerade in der Corona-Zeit habe ich auch wieder festgestellt, dass Hotels im Land ebenfalls extrem teuer sind und man für die Kosten eines Kurzurlaubes in Israel zehn Tage im besten Hotel auf einer griechischen Insel mit Flug bekommt. Preiswert und recht gut ist der Nahverkehr, wobei Züge und Busse am Schabbat nicht fahren. Medizin ist insgesamt auch preiswerter.

8. Hast Du einen Tipp für die Jobsuche für Einwanderer in Israel?

Im High-Tech-Bereich kann man bei entsprechender Qualifikation relativ gut auch auf Englisch Arbeit finden. Es gibt im Land viele internationale Projekte und weil es für Israel so ein großes Medieninteresse gibt, auch durchaus ganz gut Arbeit für Journalisten. Aber man muss sich unter Umständen schon erst einmal darauf einstellen, deutlich weniger als in Deutschland zu verdienen und/oder etwas zu machen, was weniger der eigenen Qualifikation entspricht.

9. Wie sieht dein neuer Alltag in Israel aus? Was hat sich hier am meisten zum alten Leben verändert?

Israel hat mich extrem vorangebracht. Es hat mich immer wieder inspiriert, Geschichten zu schreiben und ich habe hier mein erstes Buch „Guten Morgen Tel Aviv“ geschrieben und inzwischen neun weitere Bücher. Ich bin entspannter geworden und habe eine neue Freiheit gefunden, ich selbst zu sein. Davon abgesehen halte ich gerade Tel Aviv trotz der hohen Kosten für einen hervorragenden Ort, um hier mit Kindern zu leben. Wir haben das Meer, viele Spielplätze, Kinder sind super wichtig in der israelischen Gesellschaft und überall gerne gesehen. Tel Aviv selbst ist eine extrem spannende, vielseitige, sich noch im Werden-befindende Stadt. Man kann hier sehr gut Wachsen – auch als Erwachsener.

10. Welche Rolle spielt Geld in der Gesellschaft in Israel? Was würdest Du sagen?

Schon eine große Rolle würde ich sagen. Israelis reden viel und offen über Geld. Viele Israelis, gerade in den teuren Städten, haben jedoch kaum die Möglichkeit, Reserven anzulegen – man lebt immer so knapp unter der Kreditlinie, aber anders in Deutschland stört das niemanden. Schlimm ist, dass Israel eine der höchsten Kinder- und Altersarmut im OECD-Vergleich hat. Die soziale Gerechtigkeit muss hier definitiv noch besser werden.

ein Artikel von
Michael André Ankermüller
Michael lebt in Berlin und arbeitet als Journalist, Blogger, Autor sowie Berater für Digitale Medien. 2014 gründete er das sehr erfolgreiche Blogazine Blog.Bohème sowie Nebenseason & Kids.Bohème.