KI zwischen Euphorie und Skepsis: was das für dein Depot bedeutet?

Die Warnung: Läuft die Börse der Realität voraus?

Dr. Bert Flossbach warnt davor, den aktuellen Investitionsboom rund um KI unkritisch einfach fortzuschreiben. Klar: Künstliche Intelligenz gehört zu den prägenden Technologien der kommenden Jahrzehnte und kann Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig verändern. Ob sich die bereits eingepreisten Produktivitätsgewinne und Umsatzpotenziale aber wirklich in diesem Ausmaß erfüllen, ist offen.

Seine Skepsis stützt sich auf typische Warnsignale fortgeschrittener Börsenzyklen: Erwartungen, die sich kaum noch seriös berechnen lassen, mehr Spekulation durch gehebelte Anlageprodukte, steigende Kursschwankungen – und Kapital, das sich fast nur noch auf KI-Unternehmen konzentriert, während der Rest der Börse kaum noch beachtet wird. Dazu kommt ein Muster, das aus früheren Blasenphasen bekannt ist: Steigende Kurse werden mit steigender Qualität verwechselt, während der Blick für den tatsächlichen fundamentalen Wert verloren geht.

Edouard Carmignac widerspricht dem nicht grundsätzlich – setzt aber einen anderen Schwerpunkt.

Der Gegenpol: Wer zu früh aussteigt, verpasst die Revolution

Die Sorge vor überhöhten Bewertungen ist nachvollziehbar, sagt Carmignac. Historisch hat aber fast jede bedeutende technologische Revolution zunächst Übertreibungen hervorgebracht. Entscheidend ist deshalb weniger die kurzfristige Übertreibung, sondern die Frage: Unterschätzt du gerade den langfristigen strukturellen Wandel?

Die größten Anlagefehler entstanden laut Carmignac selten, weil Anleger nicht an eine technologische Revolution geglaubt haben. Viel häufiger sind sie zu früh ausgestiegen – noch bevor sich die Revolution wirtschaftlich voll entfaltet hat. Sein Bild dafür: Viele schauen gerade vor allem auf die Höhe der Welle. Zu wenig achten sie auf die Stärke der Gezeiten, die sie trägt.

Die eigentlich wichtige Frage: nicht ob, sondern wie du investierst

Aus meiner Sicht führt diese Debatte zu einer naheliegenden Schlussfolgerung: Nicht die Entscheidung zwischen KI-Optimismus und -Skepsis ist entscheidend. Entscheidend ist, wie dein Portfolio aufgestellt ist.

Ein Blick auf das erste Halbjahr 2026 zeigt das bereits: Die viel beachteten „Magnificent Seven“ – also die sieben größten US-Tech-Konzerne – blieben insgesamt hinter dem breiten Aktienmarkt zurück. Und noch deutlicher hinter zahlreichen Unternehmen entlang der KI-Wertschöpfungskette, also den Firmen, die die nötige Technik und Infrastruktur dafür liefern.

Nach Schätzungen von Barclays entfielen rund 87 Prozent der Kursgewinne des S&P 500 im ersten Halbjahr auf Halbleiter- und Hardwareunternehmen – also genau auf jene Zulieferer, ohne die der Ausbau der KI-Infrastruktur gar nicht möglich wäre. Darin könnte sich ein Wendepunkt zeigen: Während sich die Aufmerksamkeit der letzten Jahre fast ausschließlich auf die großen US-Megacaps richtete, unterscheidet der Markt zunehmend zwischen Plattformunternehmen, Infrastrukturanbietern, Halbleiterherstellern, Netzwerktechnologie und spezialisierten Softwareunternehmen. Die KI-Wertschöpfungskette ist breit – und damit auch deine Investitionsmöglichkeiten.

Warum Streuung gerade jetzt zählt?

Worauf ich seit zwei Jahren immer wieder hinweise: Genau hier liegt aus meiner Sicht die eigentliche Chance. Wer nur auf die bekannten Megacaps setzt, geht ein erhebliches Konzentrationsrisiko ein – sein Erfolg hängt dann von wenigen Aktien ab. Eine breitere Diversifikation entlang der gesamten Technologie- und KI-Wertschöpfungskette eröffnet dagegen die Möglichkeit, an den strukturellen Wachstumstreibern der kommenden Jahre teilzuhaben, ohne von der Entwicklung einzelner Titel abhängig zu sein.

Ein weiterer Punkt: Abseits der „Magnificent Seven“ gibt es zahlreiche Technologieunternehmen mit starken Marktpositionen und soliden Fundamentaldaten, deren Bewertungen trotzdem deutlich moderater ausfallen. Der KI-Boom hat also eine zweite, oft übersehene Seite: Chancen liegen dort, wo der Markt bisher noch nicht hinschaut.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Künstliche Intelligenz kurzfristig überbewertet ist. Entscheidend ist vielmehr, wo innerhalb dieser technologischen Revolution künftig Wertschöpfung entsteht – und wie breit du daran teilhaben kannst.

Hinweis:

Dies ist keine Anlageberatung. Bitte informiert euch vor einer Geldanlage über die Risiken und beachtet unsere Hinweise hier.