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Klamottenpreise

Fashion Weak: 590 Euro für einen Hoodie – Genie oder Wahnsinn?

Für den Preis meines Saint-Laurent-Hoodies bekäme ich fünf von Hugo, Closed oder Supreme. Warum ich aber immer zu Saint Laurent raten würde: eine mathematisch-wissenschaftliche Beweisführung.

Designer-Kleidung ist keine Geldanlage. Kaum etwas hat einen geringeren Wiederverkaufswert als Klamotten von großen Labels. Mein Vater hat mir mal erklärt, warum er Autos nie kauft, sondern immer least. Wenn ich es noch richtig zusammen bekomme, lautete die Begründung in etwa: „Wenn ich ein neues Auto kaufe, warte ich monatelang, bis es fertig ist, und wenn ich es dann abhole, ist es in dem Moment, wo ich das erste mal damit vom Parkplatz fahre, bereits 20 Prozent weniger wert.“

Schlimmer ist es eigentlich nur bei Balenciaga, Givenchy oder Chanel. Kaum trägt man die in dieses weiche, verlockend knisternde Papier eingeschlagene neue Kleinod des Kleiderschranks in der berühmten Tüte aus dem Flagship-Store, ist es gebraucht. Second Hand. Spätestens, wenn du dann noch auf die verrückte Idee kommst, es mal zu tragen und dafür die gefühlten 53 Labels, Etiketten und Tütchen mit Ersatz-Knöpfen abzutrennen, ist die Investition ein wirtschaftliches Vollfiasko. Also, theoretisch.

© Saint Lauren

Designer-Klamotten kaufen ist Wissenschaft!

Haute-Couture für den Hausgebrauch ist teuer, aber nicht unbedingt verbranntes Geld. Reich wird man mit getragenen Miu-Miu-Sneakern oder Stella-McCartney-It-Bags nicht. Aber glücklich. Und wenn man eine akurate Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellt, so wie jeder seriöse, vernünftig denkende Mensch, kommt man zu ganz erstaunlichen Ergebnissen. Ich zumindest. Und jede andere, die ich kenne, die sich schon mal in ein Chloé-Minikleid verliebt und dann spontan entschieden hat, die nächsten drei Monate nichts zu essen und keine Miete zu bezahlen, um es sofort und auf der Stelle nach Hause zu tragen.

Fantastische Kleidung macht selbstbewusst (unbezahlbar), lässt dich selber traumschön wirken (unbezahlbar), und wir tragen sie viel öfter, als die günstigen Pendants aus den Kaufhäusern und Online-Sales. Das ist Wissenschaft!

Aktien sind nicht sexy, Saint Laurent schon

Mal ein Beispiel: Ich habe einen Hoodie von Saint Laurent. Er ist einfach unfassbar cool. Ich liebe den Stoff, wie er auf der Haut liegt, wie er fällt, das Design sowieso. Er sieht ein bisschen vintage aus, oder edgy, wie man in der Fashion-Branche jetzt neuerdings sagt. Und Thomas Hayo. Der sagt das auch immer. Egal, der Saint-Laurent-Hoodie jedenfalls kostet 590,00 Euro. Und der Hoodie ist nicht mal aus der Couture-Kollektion, er ist ein Ready-To-Wear-Teil. Würde meine Mutter das hören, würde sie sagen: „Wer sich für fast 600 Euro einen Pullover mit Mütze kauft, ist nicht lebensfähig.“ Aber da irrt sie.

Ich erkläre auch, warum. Werte sind letztendlich Empfindungen. Eine Aktie ist nicht sexy. Ein Immobilienfonds auch nicht. Aber Emotionen zahlen zurück! Ich bin kein Großinvestor, ich halte es mit Carrie Bradshaw: Ich mag mein Geld, wo ich es sehen kann – hängend in meinem Kleiderschrank. So läuft das Spiel. Eindrucksvoll belegbar. Jeder kann es nachvollziehen. Man muss nicht erst Selfmade-Milliardär geworden sein, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass der fünfte Privatjet auch nicht glücklicher macht als der dritte oder vierte.

Picasso – der Saint Laurent der Malerei

Aber ich schweife ab. Mein Saint-Laurent-Hoodie. Es ist ganz einfach. Ich habe Hoodies, die waren nur ein Fünftel so teuer. Ich könnte also fünf schöne Hoodies haben, oder den einen von Saint Laurent. Ich würde immer Saint Laurent wählen. Haute-Couture ist Kunst. Man trägt sie am Körper. Daher macht sie dich, anders als beispielsweise Kunst von Picasso, dem Saint Laurent des Pinsels, nicht nur durch ihr Dasein glücklich. Auch durch ihre Magie, die sie dir überstülpt. Ich trage diesen Hoodie dauernd. Mindestens zweimal die Woche. Wenn es kühler draußen ist, aber noch nicht so richtig kalt, eigentlich jeden Tag.

Er ist chic genug, um mit ihm auf Dinner-Parties zu gehen, arty genug für coole Clubs, gemütlich genug, um sich auch auf langen Flügen darin noch wohl zu fühlen, und lässig genug, um darin einen verspielten Sonntagnachmittag mit Freunden an der Außenalster abzuhängen.

Leistungskurs: Fashion-Mathe

Es ist einfache Mathematik: Ich trage diesen Hoodie mindestens achtmal im Monat. Den nur ein Fünftel so teuren Hoodie vielleicht alle drei Monate. Wenn überhaupt. Die Rechnung lautet also: Was kostet mich der einzelne Hoodie über einen Zeitraum von, sagen wir mal, drei Jahren akkumuliert auf die Tragezeit (den ganzen anderen Komfort sogar mal außen vor gelassen)? Achtmal im Monat macht 96 mal im Jahr. Mal drei sind 288. 288 Treffer für Saint Laurent in drei Jahren. Wenn ich diesen Hoodie jetzt also in einer Gewinn- und Verlustrechnung über die drei Jahre abschreiben würde, hätte er mich beinahe genau 2 Euro pro Tragen gekostet.

Und hier, liebe Freunde des Telekollegs Fashion-Schönrechnerei, der Gegenbeweis: Der „normale“ Hoodie zu 120 Euro kommt auf viermal im Jahr, also 12-mal in drei Jahren. Das macht glatte 10 Euro pro Tragen. So gesehen ist mein Saint-Laurent-Hoodie fünfmal effizienter als sein günstiger Gegenspieler aus der Mittelklasse-Couture. Na, überzeugt? Ich weiß, ich sollte mich für eine Professur an einer Elite-Wirtschaftsuni bewerben. Mache ich auch vielleicht.

Reichwerden durch effizienten Haute-Couture-Einsatz

Das Großartige an dieser Rechnung ist nämlich, dass sie nicht nur für meinen Hoodie gilt. Es gilt für sehr viele Dinge, die man im ersten Moment für überteuerten Luxus halten würde. Okay, nicht für alle. Nicht für ein gelbes 600-Euro-Vetements-Shirt, in dem man aussieht wie ein DHL-Paketbote. Das trägt man dreimal, vergräbt es dann im Schrank und schämt sich. Außer man ist Kim Kardashian. Dann hat man genug Geld, um nicht nur das DHL-Shirt, sondern die ganze Vetements-Bude zu kaufen. So holt man das Geld noch besser wieder rein, als mit Saint-Laurent-Hoodies. Allerdings hilft das auch nicht viel, denn danach ist man zwar noch reicher, aber immer noch Kim Kardashian.

Letztendlich, und den Grundgedanken meine ich hier durchaus ernst, sind Designer-Sneaker oder Haute-Couture-Kleider möglicherweise gar keine so dumme Investition. Womit wir wieder bei der Kosten-Nutzen-Rechnung wären. Oft stimmt diese nämlich. Das versteht sogar meine Mutter. Vielleicht ein guter Zeitpunkt, sie nach einem kleinen Mini-Kredit für diese ultramegacoole Tasche von Louis Vuitton zu fragen, oder?

ein Artikel von
Marie von den Benken
Marie von den Benken
Mit 14 wurde sie von einer Modelagentur entdeckt, mittlerweile ist Marie von den Benken in der internationalen Modewelt zu Hause. Sie arbeitet als Model, Influencerin und Autorin. Mit viel Ironie hat sie es auf Twitter zu einer großen Reichweite gebracht.

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