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WOCHENRÜCKBLICK

Euro, Dollar, Schilling – was den Finanzmarkt diese Woche bewegt hat

von Volker Schilling

Die Anleihekäufe der EZB sind verfassungswidrig, doch ihr bleibt ein Hintertürchen offen. Die Börsen sind allseits im Hoch. Und die Weltwirtschaft liegt am Boden. Wie das alles zusammenhängt? Das erklärt Finanzexperte Volker Schilling im Wochenrückblick

In guter Verfassung

Fassungslos war die Finanzgemeinde, als diese Woche das Bundesverfassungsgericht die Anleihekäufe der europäischen Notenbank (EZB) teilweise für verfassungswidrig erklärte. Die Börsen mussten allerdings nicht lange um Fassung ringen, bis sie begriffen haben, dass die Richter auch eine Hintertür offengelassen haben. Binnen drei Monaten muss die EZB eine Begründung über die Verhältnismäßigkeit der Käufe nachliefern, dann wäre alles ok. Viel mehr noch: Im Grunde haben die Richter damit sogar indirekt bestätigt, dass diese Staatshilfen der Notenbank korrekt und sogar mit ausreichend Gründen gar zwingend seien.

Das machte den ein oder anderen Kläger am Ende des Urteils dann doch fassungslos, auch wenn es sich erst einmal wie ein Sieg anfühlte. Wie reagierten die europäischen Börsen? Die zeigten sich weiter in guter Verfassung und legten trotz drohenden desaströsen Wirtschaftszahlen kräftig zu. Börsenneulinge finden das unfassbar, die alten Hasen – zu denen inzwischen auch der Verfasser dieser Zeilen gehört – wissen, dass die Börse schon längst die Post-Corona-Zeit, also die Erholungsphase einpreist. Dies gilt insbesondere für die amerikanischen Börsen, die einem folgenden Satz abringen:

Ist es denn zu fassen?

Die US-Technologiebörse Nasdaq ist seit Jahresbeginn deutlich im Plus und notiert nur wenige Prozent unter einem absoluten Allzeithoch. Tech-Aktien sind der große Gewinner der aktuellen Krise. Gleichzeitig melden US-Behörden unfassbar hohe Zahlen bei den Erstanträgen auf Arbeitslosenhilfe und der Arbeitsmarkt schlittert in Zustände, wie in Zeiten der Weltwirtschaftskrise vor hundert Jahren. Gleichzeitig steigt der Dow Jones wieder über 24.000 Punkte. Selbst der Ölpreis steigt wieder, wenn auch von extrem tiefen Niveau. Und in dieser Woche melden auch noch einige Unternehmen bessere Zahlen als erwartet.

Wie passt das alles zusammen? Ganz einfach: Die Realwirtschaft erleidet derzeit Schäden ungekannten Ausmaßes durch den weltweiten Shutdown. Gleichzeitig wird aber mit gewaltigen Geldprogrammen der Staaten und Notenbanken dagegengehalten. Die Geldschleusen sind so weit offen wie noch nie zuvor, und das Auffangbecken ist die Börse. Und wenn es nach der geht, wird die Liquiditätsschwemme anhalten. Mit anderen Worten: Es wäre nicht ungewöhnlich, wenn schlechte Zahlen aus der Realwirtschaft und eine kräftige Erholung an den Börsen zusammenfallen. Börsenrallyes beginnen stets in der Rezession. Folglich sollten Sie den aktuellen Börsenanstieg…

…mit Fassung ertragen

Und weil wir gerade dabei sind: Da die Wirtschaft auch in den kommenden Wochen in keiner guten Verfassung sein wird, ist davon auszugehen, dass weltweit die Notenbanken nach einer ersten Bilanzaufnahme noch einmal nachlegen werden. Gehen Sie davon aus, dass die Taschen der Geldinstanzen weiter tief sind. Andere würden dies spöttisch als Fass ohne Boden bezeichnen, ich bezeichne dies als ein Fassonieren der Geldpolitik.

Falls Ihnen der Begriff nicht geläufig sein sollte, der Begriff stammt aus dem französischen und bedeutet soviel wie gestalten oder formen. Populär wurde er durch den „Fasson“-Schnitt beim Friseur. Apropos, die haben ja diese Woche auch aufgemacht, um unsere Haare wieder in Fassung – pardon – Form zu bringen.

Ihr Volker Schilling

ein Artikel von
Volker Schilling
Volker Schilling
Volker Schilling ist Gründer und Mitglied des Vorstandes der Greiff capital management AG und Asset Manager bei Der Zukunftsfonds. Er ist regelmäßig gefragter Experte für Fernsehsender (n-tv, Bloomberg, ARD Börse) und viele andere Medien. In seiner ZASTER-Kolumne „Euro, Dollar, Schilling“ blickt er jeden Freitag auf die wichtigsten Themen des Finanzmarkts zurück.

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