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ANGELEGT!

Sommerurlaub in Zeiten von Corona

von Leonhard Fischer

ZASTER-Kolumnist Leonhard Fischer lässt sich nicht davon abhalten, seinen Sommerurlaub zu planen – zurzeit fast schon ein Akt der Rebellion. Aber wie wird der Tourismus 2020 aussehen? Ein Ausblick.

Für alle, die das Wort Corona nicht mehr hören können, gibt es eine Lösung: Eine Reise nach Turkmenistan. Der dortige Diktator hat kurzerhand entschieden, dass es das Coronavirus gar nicht gibt. Allein die Erwähnung des bloßen Namens ist schon unter Strafe gestellt. Es heißt sogar, dass das Tragen von Gesichtsmasken mit Gefängnis geahndet wird. Auch eine Art, mit dem Problem umzugehen.

Ach ich vergaß, dass bei uns Reisen ja gar nicht mehr erlaubt sind. Aufgrund von diversen Äußerungen unserer Politiker konnte man sogar den Eindruck gewinnen, dass es empfehlenswert sei, die eigene Planung für einen Urlaub im Süden Europas sehr zurückhaltend und nur im Kreis von engsten Vertrauten zu besprechen.

Der bayerische Ministerpräsident jedenfalls weist wiederholt darauf hin, dass er Urlaub im europäischen Ausland für „eher unwahrscheinlich“ hält. Ihm scheint eine Sonderkonjunktur durch heimischen Zwangsurlaub, bevorzugt in Bayern, vorzuschweben.

Warum überfüllte Gasthöfe in Bayern Corona-kompatibler als die Strände der französischen Atlantikküste sein sollen, erschließt sich mir nicht so schnell. Allerdings bin ich ja auch nur ein einfacher Bürger, der wohl einer straffen Führung bedarf.

Und selbst Frau von der Leyen warnt vor Sommerurlaubs-Buchungen. Bemerkenswert, da sie ja eigentlich rein berufsbedingt Europa nicht als Ausland, sondern als unsere gemeinsame Heimat ohne Grenzzäune sehen müsste. Wenn aus berechtigten medizinischen Gründen Urlaubsreisen in diesem Sommer zu gefährlich sind, dann sollte ein Grenzzaun nicht als Unterscheidung zwischen erlaubt und verboten herhalten.

War es das also mit richtigem Baguette, echtem Espresso oder einem frischen Fisch mit Wein in einer lauwarmen Sommernacht am Mittelmeerstrand? Nennt mich einen unverbesserlichen Hedonisten, aber die Frage quält mich seit Wochen.

Und zwar nicht nur wegen des Urlaubs. Nein, der Tourismus ist eine der bedeutendsten Branchen in Europa. Ein kompletter Ausfall der Sommerferien hätte ganz handfeste und schlimme wirtschaftliche Konsequenzen. Deshalb hier meine erste und sehr grobe Einschätzung: Es stellt sich zunächst einmal eine simple Frage. Wird man uns überhaupt noch außerhalb Deutschlands haben wollen? Nun, der Tourismus ist ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor in großen Teilen Europas. Sein Anteil an der jährlichen Wirtschaftsleistung reicht von rund 15% in Italien, Spanien und Österreich bis zu fast 30% in Griechenland. Millionen von Arbeitsplätzen und Existenzen hängen im Süden Europas daran. Damit hat gerade der Sommer-Tourismus für viele Länder eine Bedeutung wie hierzulande die Autoindustrie.

Ich bin mir sicher, dass ein Besuch unserer Sehnsuchtsziele in diesem Jahr so schön sein wird wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Wir lassen bei bei der ersten kleinen Lockerung des Shutdowns zwar die Kirchen geschlossen, aber öffnen die Autohäuser. Somit spricht alles dafür, dass unsere europäischen Partner sicher einiges versuchen werden, die Urlaubssaison nicht komplett ins Wasser fallen zu lassen. Hinzu kommt allerdings noch ein technisches Problem: Einen tollen Sommerurlaub zu guten Preisen zu organisieren, ist eine logistische Meisterleistung. Alles von den Flugreisen bis zu den Unterkünften muss perfekt abgestimmt sein. Aufgrund der großen Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Coronakrise werden viele dieser Prozesse wohl entweder gar nicht oder zu spät gestartet werden können.

Meine Prognose ist also zweigeteilt: Es wird eine Sommersaison geben. Aber deutlich abgespeckt. Und sie wird später starten. Auch werden die Preise wohl höher sein. In einem Satz: Tourismus ja, aber Massentourismus wird es nicht sein, denn beim Begriff Masse wird es wohl schon rein logistisch deutliche Abstriche geben müssen.

Dafür bin ich mir sicher, dass ein Besuch unserer Sehnsuchtsziele in diesem Jahr so schön sein wird wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Ich für meinen Fall setze deshalb die Reiseplanung für diesen Sommer heimlich und im Untergrund weiter fort.

Zum Schluss noch eine kleine Bemerkung zu geschlossen Grenzen in Europa. Vor einem Jahr, im Europawahlkampf, wurde uns noch wochenlang erzählt, dass wir nur gemeinsam in der heutigen Welt bestehen können. Der Begriff Ausland tauchte bei unseren Politikern im Zusammenhang mit Europa eher selten auf. Urlaub hin oder her. Von einem bin ich zutiefst überzeugt: Wenn wir in Europa nicht massiv geschwächt aus dieser Krise hervorgehen wollen, dann müssen die Grenzen ganz schnell wieder aufgemacht werden. Schon ihre Schließung war von Anfang an falsch. Solange die Corona-Gefahr so ist wie heute, werden die meisten Menschen doch ohne triftigen Grund eh nicht reisen wollen.

Geschlossene Grenzen in Europa, selbst wenn wie jetzt der Warenverkehr ausgenommen bleibt, bedrohen unseren Zusammenhalt und damit auch unseren Wohlstand mehr als Corona es allein je könnte. Dann werden die asiatischen und amerikanischen Aktienmärkte unsere europäischen Aktien noch deutlich mehr abhängen, als sie es in den beiden letzten Monaten eh schon getan haben.

Bis nächste Woche und passt auf Euch auf.

ein Artikel von
Leonhard Fischer
Leonhard Fischer
Leonhard Fischer ist ein international anerkannter Kapitalmarkt-Experte und kreativer Vordenker im Finanzwesen. Das Manager Magazin bezeichnet ihn als "Banker mit Wunderkindzertifikat". Er begann als Investmentbanker bei J.P. Morgan und wurde mit nur 36 Jahren Vorstand bei der Dresdner Bank, später auch bei der Allianz. Er war CEO des Schweizer Versicherers Winterthur und Vorstand bei der Credit Suisse. 2017 erschien sein Buch "Es waren einmal Banker: Warum das moderne Finanzsystem gescheitert ist". Leonhard Fischer ist Vorsitzender des Anlageausschusses von Der Zukunftsfonds. In seiner ZASTER-Kolumne "Angelegt!" verrät er wertvolle Geheimnisse rund um die Geldanlage.

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