Die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main.

Die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main.

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ANGELEGT!

Passt bloß auf, denn alle wollen nur Euer Bestes: Euer Geld

von Leonhard Fischer

ZASTER-Kolumnist Leonhard Fischer erklärt, was "Financial Repression" und Inflation fürs Ersparte bedeuten. Und gibt den ultimativen Anlagetipp.

Habt ihr schon einmal etwas von “Financial Repression" gehört? Es ist eines dieser vielen sperrigen Wörter aus der Welt der Finanzen und Zentralbanken. Es ist also langweilig, aber sehr wichtig für euer Geld.

Ganz simpel ausgedrückt, beschreibt dieser Begriff eine Strategie der Zentralbanken, die Zinsen langfristig unterhalb der Inflationsrate zu halten. Das Ziel einer solchen Politik ist es, die Schuldner – und damit in erster Linie natürlich den Staat selber – auf Kosten von uns Sparern zu entlasten.

Wie das geht? Nun, wenn die Zinslast niedriger ist als die Geldentwertung der Schulden durch die Inflation, dann schrumpfen die Schulden des Staates ja in realen Werten über Zeit langsam, aber sicher.

Warum das wichtig für uns alle ist? Vor allem, weil die Europäische Zentralbank seit Jahren genau diese Strategie verfolgt. Das allein schon deshalb, um die hoch verschuldeten südeuropäischen Staaten der Eurozone zu entlasten und so den Euro zusammenzuhalten. Genau dieses Ziel ist die zentrale Idee hinter der Nullzinspolitik seit der Eurokrise vor 8 Jahren. Ach ich vergaß, dass es inzwischen ja eine Negativzinspolitik ist.

Aber was gut ist für die Schuldner, kann nicht gleichzeitig auch gut für die Sparer sein. Während man nämlich auf den Konten keine Zinsen mehr bekommt, verliert über die Inflation das Ersparte jeden Tag schleichend an Kaufkraft. Und jetzt setze ich noch eine These obendrauf.

Die Inflation wird in den nächsten 2 bis 3 Jahren stärker steigen als erwartet. Was das angeht, habe ich in diesen Monaten meine bisherige Meinung geändert. Die letzten Jahrzehnte war ich immer sehr skeptisch gegenüber einer Inflationsgefahr. Mir hat die Deflation mehr Sorgen gemacht. Und in einer echten Marktwirtschaft hätten wir schon vor einem Jahrzehnt als Folge der Finanzkrise ziemlich sicher eine deflatorische Krise bekommen.

Doch mit Corona und der neuen Schuldenschwemme zur Rettung von Unternehmen und Staaten sind auch die letzten Reste der alten Ordnung beerdigt worden. Damit ist die Frage der Inflation neu zu bewerten. So verwundert es auch nicht, dass unter Volkswirten seit einigen Wochen eine rege Diskussion über dieses Thema ausgebrochen ist.

Die Inflationsseite argumentiert in erster Linie damit, dass in Folge von Corona die Zentralbanken weltweit so viel neues Geld drucken, als ob es – wie die Engländer so schön sagen – morgen „out of fashion“ gehen würde. Die neue Geldschwemme, kombiniert mit einer abnehmenden Bedeutung der Globalisierung, muss dieser Meinung nach unweigerlich zu steigenden Preisen führen.

Die andere Seite hält dagegen, dass die Geldmenge zwar steigt, aber die Geldumlaufgeschwindigkeit weiter sinken wird. Übersetzt bedeutet dies, dass wir aus Angst vor den wirtschaftlichen Folgen von Corona mehr sparen und unser Geld viel langsamer ausgeben werden.

Meine Begründung, warum die Inflation zurückkommen muss, ist alles andere als wissenschaftlich und basiert in erster Linie auf einer gehörigen Portion Zynismus allem staatlichen Handeln gegenüber.

Wie immer haben beide Seiten gute Argumente. Und so ist meine Begründung, warum die Inflation zurückkommen muss, alles andere als wissenschaftlich und basiert in erster Linie auf einer gehörigen Portion Zynismus allem staatlichen Handeln gegenüber:

Erstens sind die Schulden weltweit gemessen an der Wirtschaftsleistung heute fast dreimal so hoch wie vor 40 Jahren. Als ob das nicht schlimm genug wäre, werden sie bedingt durch die Coronakrise noch einmal so richtig steigen. Damit ist für mich Fakt, dass die großen Schuldner, allen voran natürlich die Staaten selber, ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen können und es auch sowieso gar nicht wollen.

In der Folge sind unsere so allmächtig erscheinenden Zentralbanken in Wirklichkeit Gefangene ihrer eigenen Strategie. Sie werden für sehr, sehr lange Zeit die Zinsen nicht mehr erhöhen können. Täten sie es, kollabierte wegen der gigantisch hohen Schulden weltweit das ganze System. Das wiederum werden die Regierungen niemals zulassen und wir alle haben in den letzten Wochen gesehen, wer wirklich Macht hat. Besonders wenn man eben mal schnell einen Notstand ausruft. Damit sind die Zentralbanken aber, um mal das neue Modewort zu benutzen, nachhaltig ihrer wichtigsten Waffe im Kampf gegen die Inflation beraubt.

Zweitens: Schulden einzutreiben, hat immer in erster Linie mit Macht zu tun. In der gesamten Geschichte haben Schuldner deshalb nur dann ihre Kredite zurückgezahlt, wenn die Gläubiger mächtiger waren als sie. Und wer sind heute die Schuldner? In erster Linie die Staaten selber. Aber erschwerend kommt noch hinzu, dass viele der großen Volkswirtschaften der Welt als Ganzes verschuldet sind. Allen voran die USA, immer noch das mächtigste Land der Welt, dessen Nettoverschuldung im Ausland mit gut 10.000 Milliarden US-Dollar inzwischen bei gut 50% der jährlichen Wirtschaftsleistung liegt. Deutschlands Sparer und die einer Handvoll anderer Länder sind die Gläubiger. Und die Inflation nutzt dem Schuldner. Wie wird das wohl ausgehen? Ratet mal.

Was tun? Meine Empfehlung: Haltet ein Viertel in Bargeld. Das ist, Inflation hin oder her, eure liquide Reserve. Für ein weiteres Viertel kauft Edelmetalle (Gold, Silber, Platin). Die andere Hälfte sollte breit gestreut in internationale Wertpapiere angelegt werden.

Viel Glück! Wenn es um unser Erspartes geht, dann werden wir das dank Corona-Lockdown alle noch brauchen...

ein Artikel von
Leonhard Fischer
Leonhard Fischer
Leonhard Fischer ist ein international anerkannter Kapitalmarkt-Experte und kreativer Vordenker im Finanzwesen. Das Manager Magazin bezeichnet ihn als "Banker mit Wunderkindzertifikat". Er begann als Investmentbanker bei J.P. Morgan und wurde mit nur 36 Jahren Vorstand bei der Dresdner Bank, später auch bei der Allianz. Er war CEO des Schweizer Versicherers Winterthur und Vorstand bei der Credit Suisse. 2017 erschien sein Buch "Es waren einmal Banker: Warum das moderne Finanzsystem gescheitert ist". Leonhard Fischer ist Vorsitzender des Anlageausschusses von Der Zukunftsfonds. In seiner ZASTER-Kolumne "Angelegt!" verrät er wertvolle Geheimnisse rund um die Geldanlage.

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