Die Sensation war kaum auszuhalten: Ein 5000-Dinar-Schein mit Tito drauf!

Die Sensation war kaum auszuhalten: Ein 5000-Dinar-Schein mit Tito drauf!

© privat
Der Schein meines Lebens

Diebische Freude auf Großvaters Dachboden

von Nikolina Krstinic

Im Laufe unseres Lebens bekommen wir diesen einen Schein, diesen bestimmten Betrag. Den uns jemand schenkt, den wir finden, gewinnen oder den wir jemandem abluchsen – und: an den wir uns für immer erinnern, weil er uns gerettet, berührt oder beschämt hat. Hier erzählen regelmäßig Menschen die Geschichte vom Schein ihres Lebens. Heute: Wie Nikolina Krstinic fast eine kommunistische Legende gestohlen und in seliger Überzuckerung gebadet hätte.

Vielleicht war es die kindliche Neugier, die mich an jenem Nachmittag auf den Dachboden lockte. Ich war gerade neun Jahre alt geworden und durchlebte eine späte Trotzphase, in der ich alles tat, was mir untersagt wurde. Der Dachboden war die Danger Zone meiner Generation: Da oben wohnten Gespenster, Monster und Spinnenkolonien, die sicher keinen menschlichen Besuch duldeten. Was mir natürlich vollkommen egal war. Ich war ja kein Angsthase. Und so spielte ich gerne auf dem Dachboden. Da war eine geheimnisvolle Dunkelheit. Da war Ruhe. Und vor allem waren da von Staub überzogene Relikte aus einer Ära weit vor meiner Zeit.

Mein Großvater war im kommunistischen Jugoslawien Direktor der örtlichen Bank gewesen, und so hatte er einige Banknoten aufgehoben, die ihm im Laufe seines Lebens untergekommen waren. Als ich an jenem Nachmittag auf dem Dachboden auf einen frisch gedruckten und nie benutzten 5000-Dinar-Schein stieß, der Josip Broz Tito (†1980) abbildete, war es kaum auszuhalten. Der ehemalige jugoslawische Minister- und Staatspräsident war, sagen wir, nicht unbeliebt bei meinen Großeltern, die oft – mit besorgtem Blick in die Zukunft – in nostalgischen Erinnerungen an ihre sorglose Vergangenheit schwelgten.

An dieser Stelle sei gesagt, dass die Wirtschaft zwischen 1953 und 1960 einen unfassbaren Aufschwung verzeichnete, und meine Großeltern das in direkten Zusammenhang mit der kommunistischen Herrschaft von Tito brachten. Überhaupt hatten die Menschen Tito als Retter und Helden gefeiert. Erst 1980 sollte sich die eigentlich desolate Wirtschaftslage zeigen, als die enorme staatliche Verschuldung offensichtlich wurde – aber gut, davon war ich auf meinem Dachboden ja nun weit genug entfernt. Ich hielt also Tito in meinen Händen und fragte mich: Wieviel sind eigentlich 5000? Soweit konnte ich noch nicht einmal zählen. Doch ich wusste: Das muss viel sein. Jedenfalls war es die größte und schönste Banknote, die ich je gesehen hatte.

Ich träumte mich in einem Meer von Süßigkeiten, glucksend vor Freude, hyperaktiv und überzuckert. Ich dachte an meine beste Freundin Florentina. Was sie wohl sagen würde, wenn ich ihr von meiner Beute…? Nein! Das ist Diebstahl. Die Banknote gehört dir nicht, sprach mein Gewissen zu mir. Ich hielt sie noch kurz fest, bevor ich sie wieder möglichst unauffällig zwischen die alten Papiere steckte. Da knarrten hinter mir die Dielen, ich zuckte zusammen und schoss hoch, und als ich mich umkehrte, lächelte mein Großvater zufrieden.

Er muss mich wohl eine ganze Weile beobachtet haben, dachte ich bei mir, als ich wie angewurzelt dasaß und keinen Ton herausbrachte. Er schlich an mir vorbei, bückte sich zu mir hinunter und holte die Banknote wieder aus dem Versteck hervor. „Du sollst sie behalten“, sagte er zufrieden und streckte sie mir, eingeklemmt zwischen Mittel- und Zeigefinger, entgegen. Ich nahm sie zögernd und lächelte. Und zufrieden ist in dem Fall nur ein Hilfswort, um die ungebändigte Freude zu umschreiben, die bis heute in mir aufsteigt, wenn ich diese Banknote in Händen halte und mich an meine ersten Fünftausender erinnere.

Fun Fact: Heute wird der einst so wertvolle Schein auf Ebay für schlappe 1,20 Euro gehandelt. Der historische Währungsrechner spuckt die Zahl 42 aus, wenn man sich erkundigt, wie viel eigentlich 5000 jugoslawische Dinar in Euro wären.

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ein Artikel von
Nikolina Krstinic
Nikolina Krstinic
Nikolina Krstinic studierte in Wien und Berlin Kulturwissenschaften, Journalismus und Unternehmenskommunikation. Sie ist als freie Autorin und Journalistin tätig - seit Februar 2018 auch für Zaster.

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