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Mit welchen Werten ich meine Konsumgelüste zügele

von Marlene Weihrauch

590 Euro für einen Hoodie aus Baumwolle?! Das muss nicht sein, es gibt wichtigere Werte, findet ZASTER-Autorin Marlene Weihrauch.

Kleidungsstücke lasse ich gerne für mich sprechen – kein Wunder nach einem abgeschlossenen Studium im Modemanagement, einem Zwischenstopp beim Modeblog Journelles und mit einem aktuell aus allen Nähten brechenden Kleiderschrank. Aber 590 Euro für einen Hoodie aus Baumwolle im Vintage Look – wie Marie von den Benken uns diese Woche gestanden hat? Da kehre ich lieber an den Ausgangspunkt des Trends zurück – und zwar in einen Second-hand-Laden meines Vertrauens. Genauso, wie sich meine Werte mit dem Erwachsenwerden verändert haben, laufen meine modischen Einkäufe mittlerweile auch ganz anders ab: Ich kann jetzt Fan einer Marke sein, die so viel mehr als Prestige und Luxus symbolisiert. Der Tag, an dem ich Luxus für mich neu definierte und anfing, die Ideen kleinerer Designer wertzuschätzen und jeden einzelnen Vintage-Laden nach einem Fundstück zu durchsuchen, fühlte sich bahnbrechend an. Das Thema Nachhaltigkeit erstreckt sich mittlerweile von der Produktion bis hin zur Logistik – und wir dürfen als Konsumenten mitentscheiden.

Es liegt in unserer Hand, wen wir unterstützen wollen und wem wir eine Plattform bieten wollen. Durchaus werde auch ich bei zeitlosen Pumps von Prada schwach, und eine Lederhandtasche von einem aufstrebenden Label wie Danse Lente aus London kommt bei einem Preis von 445 Euro für mich auch schon mal in Frage. Aber dabei stelle ich mir unter anderem bei jedem Kauf die Frage, ob ich das gewünschte Stück wirklich benötige, was ich damit repräsentiere und ob es nicht eine Alternative in meinem preislichen Rahmen gibt jenseits von den Fast-fashion-Ketten wie H&M, Zara & Co.

Marlene Weihrauch (Foto: Journelles.de)
Marlene Weihrauch (Foto: Journelles.de)

Für eine Tasche, die ich über einen Zeitraum von vier oder sogar noch mehr Jahren täglich benutze, bin ich gewillt, etwas tiefer in die Geldbörse zu greifen, anstatt mir jeden Monat ein neues Modell für ein Fünftel des Preises zu kaufen. Handwerk hat schließlich seinen Preis.

Ich bezeichne diese Investitionen ironischerweise gerne auch als solche, die meinen Selbstwert boosten, mich herausstechen lassen – denn am Ende des Tages ist es das, wonach wir alle streben. Ein bisschen mehr Authentizität. Ob es dafür ein Pullover mit Saint-Laurent-Aufdruck sein muss, den ich in Berlin am Kurfürstendamm wahrscheinlich des Öfteren erblicke, oder ob ich meine Produkte bei lokalen Designern erstehe und mich in Berlin-Mitte kaum noch von meinem Nächsten unterscheiden lassen kann – die Wahrheit liegt sicherlich irgendwo dazwischen. Jedes Mal, wenn ich mich dabei ertappe, etwas unbedingt besitzen zu wollen, da es entweder schon öfter meinen Weg gekreuzt hat oder mein allerliebster Instagram-Account mir das Objekt der Begierde immer wieder unter die Nase reibt – hinterfrage ich bewusst. Möchte ich das wirklich? Passt es zu mir? Oder will ich nur dazugehören? Entscheidend ist für mich:

  • Woher kommen die Rohmaterialien?
  • Wer fertigt mein Produkt?
  • Wie transparent gibt sich das Unternehmen?
  • Steht die unverbindliche Preisempfehlung in Relation zur handwerklichen Leistung?

Wir haben noch einen langen Weg vor uns, aber zumindest habe ich seit über einem Jahr nichts mehr bei den großen Modehäusern gekauft, die besonders viele Ideen kleiner Designer kopieren, um ihren Kunden diese zu dem kleinstmöglichen Preis anbieten zu können. Entweder spare ich für größere Investitionen, schaue mich lokal um oder gebe mein Geld auf Reisen auf dem Flohmarkt aus. Die momentan angesagten Ohrringe in Horn-Optik gibt es zwar gerade überall, habe ich mir aber zum Beispiel ganz bewusst offline in der Berliner Boutique von der Designerin Elizabeth Leflar für 80 Euro gekauft anstelle bei Mango. Wie ich auf die Designerin gestoßen bin? Natürlich beim Stöbern auf Instagram.

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Marlene Weihrauch
Marlene Weihrauch
Als Moderedakteurin bei dem Blogazine Journelles hat sich Marlene Weihrauch an dem ein oder anderen Trend versucht, die spannendsten New-Comer-Labels vorgestellt und immer wieder gezeigt, dass man nicht viel Geld benötigt, um seinen Kleiderschrank up to date zu halten. Wenn sie nicht über Nachhaltigkeit und Persönlichkeitsdarstellung in der Modewelt reflektiert, schreibt sie für Zaster.

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